Rathaus

Solist Sagel

Rüdiger Sagel ist Franktionssprecher der Linkspartei im Stadtrat (Foto: Niels Holger Schmidt/Archiv/CC BY-SA 2.0)

Rüdiger Sagel ist Sprecher der Linkspartei-Fraktion im Stadtrat (Foto: Niels Holger Schmidt/Archiv/CC BY-SA 2.0)

Die Linke ist eine Partei der, nun ja, lebhaften Kontroversen. Das ist ein Teil ihrer DNA und folglich auf der großen Bühne in Berlin genauso der Fall wie im lokalpolitischen Kammertheater in Münster. Hier aber führt sie in der laufenden Legislatur ein ganz bemerkenswertes Schauspiel auf, irgendwo zwischen Tragödie und Komödie. In der Hauptrolle: Altstar Rüdiger Sagel.

“Mich kennen hier alle, ich bin bestens vernetzt.” Das ist Rüdiger Sagel. Ein Mann der klaren Ansagen. Der Polit-Oldie, der im persönlichen Gegenüber und auf der politischen Bühne einen jugendlichen Esprit ausstrahlt. Streitbar, erfahren und vor allem selbstbewusst. Das mit der Bekanntheit und der Vernetzung “kann man nicht von der Linken hier in Münster allgemein sagen”, schiebt der 63-Jährige nach. Und genau das ist vielleicht das Problem, das Einige in der lokalen Linkspartei mit ihm zu haben scheinen: Der Ratsfraktionssprecher nicht als Erster unter, sondern über Gleichen.

“Es gibt keine Kommunikation mit ihm”, sagt die Kreisvorsitzende Katharina Geuking. “Wir wissen nicht, was er aus dem Hut zaubert. Diskussionen mit ihm sind nicht möglich.” Die Vorwürfe gegen Sagel sind nicht von Pappe: Er stimme sich nicht mit Vorstand und dem Rest der Fraktion ab, mache Politik im Alleingang. Sagel ist der Mensch, der hinterher in der Zeitung steht. Pressemitteilungen, heißt es, würden nicht abgestimmt. “Nicht im Detail”, entgegnet Sagel. “Wir fragen uns: Warum macht er das?”, sagt seine Fraktionskollegin Ortrud Philipp, zugleich Geschäftsführerin der Fraktion. “Der öffentliche Eindruck ist kontraproduktiv.” Dabei arbeiteten der Rest der Fraktion und der Kreisvorstand “gut zusammen”.

Schwergewicht Sagel

Unbestreitbar ist Sagel in dem politischen Mikrokosmos Münster eine feste Größe. Wer ihn in Ratssitzungen beobachtet und ihm zuhört, weiß wieso. Seine Gravitas hebt ihn ab von der Masse der hiesigen Lokalpolitiker. Er zeigt klare Kante und ist in der Lage, seine Botschaften auch rhetorisch zu untermauern. Wird ein knackiges Statement benötigt, Sagel liefert. Das weiß man an der Soester Straße und bei den Wiedertäufern sowieso.

Dabei kann Sagel auf eine lange politische Karriere zurückblicken. Zwölf Jahre saß er im Landtag, erst für die Grünen, dann für die Linkspartei. Von Erstgenannten kamen der Überlieferung nach hämische Glückwünsche anlässlich des Neuzugangs, der seine ersten politischen Schritte in der Anti-AKW-Bewegung machte. Er kannte den Hambacher Forst schon lange, bevor das Waldstück bundesweit Schlagzeilen machte. Seit 2014 sitzt er im Stadtrat und hat nach eigener Ansicht einen maßgeblichen Teil zur Verdoppelung des letzten Kommunalwahlergebnisses in Münster beigetragen.

Und wie geht es nun weiter? Ist politische Arbeit so überhaupt noch möglich? “In der Fraktion habe ich noch starke Unterstützung”, behauptet Sagel. Für die Dissonanzen in der Partei hat der BVB-Fan eine eigene Erklärung. Die Spielphilosphie sei schlichtweg eine andere: “Es gibt Leute, die wie ich eine ‘realpolitische’ Einschätzung der Situation haben, andere vertreten die reine Lehre.” Das sei zum Teil auch ein Alters- bzw. Generationenkonflikt. “Wer etwas realpolitisch bewirken will, wird fast gemobbt.” Andere hätten bereits “abgenervt” das Handtuch geworfen.

Zerreißprobe für die Linke

Sagel hat auch ein paar Beispiele zur Hand: Er selbst sei ja offen gewesen für ein rot-rot-grünes Projekt in Münster, doch die Partei habe sich quergestellt. Oder die Forderung des Vorstands, nur noch die Stadt dürfe in Münster bauen, ist in seinen Augen fernab jeglicher Realität. “Da habe ich gesagt: Sorry, aber das hat wenig mit Realpolitik zu tun. Das sind nur Parolen.”

Aber was für ein Stück ist hier zu sehen? Ein Flügelkampf, wie ihn die Linkspartei auch woanders austrägt? “Was wir hier erleben, ist symptomatisch für die Linke, das durchzieht die gesamte Partei”, meint Sagel. “Es gibt verschiedene Realitätsauffassungen”, erklärt hingegen der kürzlich ausgeschiedene Kreissprecher Karsten Schmitz und fordert: “Wir müssen das intern lösen.”

Ruhe also als erste Kleinbürgerpflicht. Die Linken-Anhänger wollen ein Ende der Streitereien, die die Partei hauptsächlich in der konservativen Lokalpresse austrägt. Sicher, Politik ist immer auch ein Kampf. Um Positionen, Einfluss, Macht. Was hinter den Kulissen passiert, gelangt aber meistens nicht an die Öffentlichkeit.

Politik des leeren Stuhls

“Die Wähler wollen, dass wir das tun, wofür wir gewählt wurden”, mahnt Philipp an. “Wir sind keine FDP 2.0.” Die große Sorge: Die Linke wird nur noch als Partei der Streithähne wahrgenommen, die politische Arbeit tritt in den Hintergrund. “Wir machen gute Arbeit, auch im Parlament”, sagt Ratsherr Heiko Wischnewski. “Aber das wird nicht wahrgenommen.”

Andere Parteimitglieder wollen sich mit Verweis auf die Außendarstellung nicht öffentlich äußern. “Politisch gibt es mit Sagel keine Probleme, das ist was Persönliches”, sagt ein Parteimitglied, das ungenannt bleiben will, und verweist auf ein anderes Problem: Die Fraktion sei in den Augen mancher Linker nur parlamentarischer Appendix. Priorität habe die Aktion, sagt ein anderes Parteimitglied – nur im Hintergrundgespräch, versteht sich.

Das lässt dann auch die mangelnde Präsenz mancher Mandatsträger in den Bezirksvertretungen in einem anderen Licht erscheinen. Von der “Politik des leeren Stuhls” ist hinter vorgehaltener Hand die Rede. Andere Genossen quittieren die Sponti-Attitüde mit Kopfschütteln: “Es muss auch bedacht werden, wie der Parteiapparat bezahlt wird.” Aktion und Fraktion stünden gleichberechtigt auf einer Stufe, beteuert hingegen der Kreisvorstand, der seine Aufgabe darin sieht, die Partei zu einen.

Selbstbestimmtes Ende

Nur warum lässt man dann das Theater um Sagel und die Fraktion weiter laufen? Die Situation könnte recht einfach bereinigt werden. Frei nach dem Motto: Besser ein Ende mit Schrecken. Dagegen sprechen zwei Gründe: Jemand müsste sich zum Königsmord auf offener Bühne bereiterklären, wo doch das Ende der Legislatur schon in Sicht ist. Bei den Wahlen 2020 könnte sich das Problem von selbst erledigen, wenn Sagel nicht mehr als Kandidat aufgestellt würde: “Das entscheidet die Partei”, weicht Geuking aus.

Sagel selbst verweist darauf, dass er immer einstimmig zum Fraktionssprecher gewählt worden ist. Was stimmt, wenn man einstimmig als ohne Gegenstimme auffasst. Wird er seinen Hut für die Kommunalwahl 2020 noch einmal in den Ring werfen? Nach all den Querelen? Sein Rücktritt ist nach eigener Aussage innerparteilich bereits offen gefordert worden. Eine Antwort ist ihm ausnahmsweise nicht zu entlocken. Nur so viel: “Wann ich gehe, entscheide ich immer noch selbst.”


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  1. “Priorität habe die Aktion, sagt ein anderes Parteimitglied – nur im Hintergrundgespräch, versteht sich.”

    Vermutlich ist statt “Aktion” hier “Fraktion” gemeint?

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