Münster

Abtreibungsgegner und Uni-Professor: Paul Cullen polarisiert

Prof. Paul Cullen

Paul Cullen ist außerordentlicher Professor an der Universität Münster. Wenn es nach dem Studierendenparlament geht, ist er das die längste Zeit gewesen. Der Grund: Cullen sei ein prominenter Abtreibungsgegner, der Covid-19 verharmlose und sich verschwörungstheoretischer Narrative bediene. Der Mediziner ist sich keines Fehlverhaltens bewusst.

Paul Cullen hat um ein persönliches Gespräch gebeten. Telefonisch wollte er unsere Fragen nicht beantworten, schriftlich schon gar nicht. Und er hat sich Verstärkung mitgebracht an diesem Abend. Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende bei “Die Aktion Lebensrecht für Alle” ist speziell für das Interview mit dem Zug aus Fulda angereist. Die Angelegenheit ist nämlich äußerst delikat. Das weiß auch Cullen, ihm ist die Anspannung zu Beginn des Gesprächs anzumerken. Was da gerade im Raum steht, könnte seinen Ruf ernsthaft beschädigen.

Eigentlich ist Cullen Facharzt für Laboratoriumsmedizin und als Leiter des MVZ Labors für die Corona-Testungen der gesamten Region verantwortlich. Als außerplanmäßiger Professor hält er regelmäßig Vorlesungen an der medizinischen Fakultät der Universität Münster. Und hier erheben der AStA und die kritischen Mediziner*innen schwere Vorwürfe gegen ihn: Es geht um angeblich “unwissenschaftliche, antifeministische und antisemitische Äußerungen” des Mediziners. Die Studierenden fordern eine Untersuchung des Falls und, sollte das öffentliche Auftreten von Prof. Cullen mit den Grundsätzen der Universität Münster in Konflikt stehen, die Aberkennung seiner Professur. 

Cullen zeigt sich im Gespräch von der Forderung überrascht. Diese sei ihm neu. Es habe niemand mit ihm darüber gesprochen.

Impfkritiker und Lebensschützer

Aber was ist dran an den Vorwürfen? Wenn man beispielsweise nach impfkritischen Äußerungen des Professors sucht, stößt man unweigerlich auf ein YouTube-Video, in dem er ausdrücklich vor “massiven gesundheitlichen Schäden” der Corona-Impfung warnt. Die Gefahr, die von der Krankheit Covid-19 ausgeht, mildert er ab. Auch die AfD bedient sich seiner Positionen, in denen er von einer “Massenimpfpflicht” spricht. “Seine Äußerungen über das Virus und mögliche Impfungen”, so der AStA, “bewegen sich dabei zwischen streitbar und schlicht falsch.”

Im Gespräch erklärt der Mediziner, dass er die schnelle Zulassung der Impfstoffe für bedenklich hält, aber nicht grundsätzlich gegen Impfungen sei.

Eindeutig ist seine Position beim Thema Abtreibungen. Er ist sowohl Vorsitzender des Vereins Ärzte für das Leben” als auch Mitglied im Vorstand des “Bundesverband Lebensrecht”. Letzterer propagiert den Lebensbeginn “ab der Zeugung” und organisiert in Berlin den deutschlandweit größten “Marsch für das Leben”. Ziel der sogenannten Lebensschützer*innen: Das Verbot von Abtreibungen und die Bestrafung von ausführenden Ärzt*innen und Betroffenen (wir berichteten).

In den Positionen von Impfbefürworter*innen und Abtreibungsgegner*innen sieht Cullen ein Dilemma, das er uns in einem Interview erläutert: “Auf der einen Seite akzeptieren die Menschen die Einschränkungen der Autonomie bei einer Impfpflicht, auf der anderen Seite prangern sie die Einschränkung an, wenn es um Abtreibungen geht.” Da hieße es dann “My body my choice”. Eine Impfpflicht in Hinblick auf Covid-19 ist nach derzeitigem Stand allerdings nicht geplant.

Verschwörungstheoretische Muster?

In einem Artikel über Antisemitismus und Verschwörungserzählungen hält die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) fest: “Eine klassische Metapher in Verschwörungserzählungen ist zum Beispiel die Marionette. Es wird dann behauptet, dass es im Hintergrund “Marionettenspieler” gäbe, die im Geheimen die Geschicke der Welt lenken.” Oft lasse sich zudem beobachten, dass “häufig Juden als böse Mächte im Hintergrund vermutet” würden. In den vergangenen Jahren sei besonders “der jüdische Philanthrop George Soros zum Gegenstand vieler antisemitischer Verschwörungserzählungen” geworden, so die bpb.

Genau dieser Narrative bedient sich Cullen in einem Manifest, das er im Jahr 2016 öffentlich vortrug. Er spricht von “Meinungsdiktatur” und  einem “Kulturkampf” gegen die Abtreibungsbefürworter*innen. Von einem diffusen “Oben”, das er in “herrschenden gesellschaftlichen Kräften” wie “multinationalen Konzernen”, der “Finanzindustrie” und wenigen “sehr reichen Personen” verwirklicht sieht. “Unser Ziel ist es also nicht, unseren Gegner zu überzeugen, sondern ihn zu besiegen”, proklamiert er. 

Im Weiteren charakterisiert Cullen den “Gegner” und dessen Unterstützernetzwerk: “Unsere Gegner haben also das gesamte polit-mediale Establishment, fast die gesamte Unterhaltungsindustrie und die Dinosaurier-Medien auf ihrer Seite. Dazu noch große Teile der Wirtschaft, mächtige Finanzinteressen wie die Soros-Stiftung, Chuck Feeney’s Atlantic Philanthropies, die Bill und Melinda Gates-Stiftung, große Teile der Kirchen und nicht zuletzt das Bildungssystem, insbesondere die Universitäten.” Er bedient sich damit nicht nur der verbreiteten Gates-Verschwörungserzählung, sondern bezeichnet auch George Soros im Folgenden als “Spekulanten und Strippenzieher”. Als Stütze seiner Positionen führt er schließlich die “alternativen und sozialen Medien” an. 

Verantwortliche tun sich schwer 

Der AStA argumentiert nun, dass Cullen seinen Professorentitel und seine Approbation als Arzt nutze, um seinen Theorien einen “wissenschaftlichen Scheinmantel” zu verleihen. Das zusammen mit den kritischen Mediziner*innen entwickelte Statement fußt ursprünglich auf einem Antrag von Campus Grün. Zentrale Forderung: “Die Verleihung der außerordentlichen Professur von Dr. Cullen mit sofortiger Wirkung zu widerrufen.”

Cullen selbst sieht zwischen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Münster und seinen politischen Aktivitäten keinen Konflikt, er trenne diese Rollen. “Ich habe keinen Vertrag mit der Uni, ich lehre unentgeltlich”, sagt der Labormediziner. Seine Vorlesungen hätten weder etwas mit der Impfdebatte zu tun noch mit seiner Haltung zu Abtreibungen.

Ende November letzten Jahres wurde der Antrag im Studierendenparlament beschlossen. Siebzehn Stimmberechtigte votierten dafür, sechs dagegen, vier enthielten sich. Anfang Dezember ging der Beschluss schließlich an den Senat sowie an den Dekan der medizinischen Fakultät.  

Cullen steht derzeit zwar im Dialog mit der Fachschaft Medizin, von dem Beschluss des StuPa wisse er aber nach eigener Aussage nichts. Weder der Senat, noch die medizinische Fakultät hätten bisher Kontakt mit ihm aufgenommen. Dass es um die Aberkennung seiner Professur gehen soll, sei ebenfalls neu für ihn.

Auf Nachfrage verweist Prof. Dr. Hinnerk Wißmann, Vorsitzender des Senats, auf die medizinische Fakultät, die für diesen Fall primär zuständig sei. Univ.-Prof. Dr. med. Frank Ulrich Müller, Dekan der medizinischen Fakultät, gibt in dieser Angelegenheit allerdings noch keine Auskünfte. “Der Vorgang befindet sich aktuell noch in der Prüfung”, hieß es aus seinem Sekretariat. Auch der Vorsitzende des Studierendenparlaments, Paul Bohmann, hat vom Fachbereich Medizin noch keine Rückmeldung erhalten. 

Umstrittene Plattformen

Über seine Position als “Lebensschützer” und Abtreibungsgegner sagt er: “Ich verstehe, dass die Meinungen, die ich vertrete, Minderheitenmeinungen sind.” Wohl auch deswegen ist es ihm nicht so wichtig, wo er seine Meinungen verbreitet. Das Protal kath.net beispielsweise bietet auch homo- und transfeindlichen Menschen eine Bühne. Zum Beispiel dem Evolutionsbiologen Prof. Ulrich Kutschera, der im vergangenen Jahr wegen Beleidigung Homosexueller verurteilt wurde. Oder auf dem Onlinemagazin Tichys Einblick, das Kritiker Mediendienst Meedia “am Rande zum Rechtspopulismus” sehen. Auch andere Magazine äußerten sich, u.a. Übermedien, Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel.

“Es ist schwierig”, erklärt Cullen, “solche Positionen auf anderen Portalen veröffentlicht zu bekommen.” Besonders bezogen auf die Impfstoffdebatte sei es ihm vor allem um eine schnelle Veröffentlichung gegangen. Er wolle sich später nicht vorwerfen lassen, etwas zu wissen und es nicht geäußert zu haben.

Über das Vorgehen des StuPa zeigt er sich sichtlich verärgert. Er hätte es bevorzugt, direkt mit den Vorwürfen konfrontiert zu werden. Eine Diskussion scheut er nicht. Ebeneso wenig sieht er einen Widerspruch zwischen seiner offensiv vorgetragenen Haltung beim Thema Abtreibungen und seinem Engagement an der Universität.”Ich verstehe, dass Leute da einen Konflikt sehen. Man muss manchmal auch aushalten, dass man unterschiedlicher Meinung ist.”


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  1. Was heißt hier “der Professor polarisiert”?
    Ist das eine Vorverurteilung? Mann kann nicht wischi waschi solch ein Thema behandeln und “ausgewogen” darüber berichten.
    Das Leben der Ungeborenen ist dem Professor wichtig und er hat Recht.
    Christus hat auch polarisiert und als Christ sollen wir ihm nachfolgen, nicht nur mit Kirchenasyl und Raum für Obdachlose, sondern insbesondere für Menschen, die sich selbst in keiner Weise selbst helfen können, nämlich die Ungeborenen. Bravo, Herr Prof. Cullen!

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