Stadtgeschichte(n)

Münsteraner Youtuberin Naomi Seibt: Nachwuchshoffnung der Neuen Rechten

Naomi Seibt beim 1000-Kreuze-Marsch im Jahr 2018.

Naomi Seibt als Teilnehmerin beim 1000-Kreuze-Marsch im Jahr 2018. Links neben ihr mit erhobener Faust steht Robert M. – seinerzeit Mitglied bei der Burschenschaft Franconia und mit besten Verbindungen in rechtsextreme Milieu. Die Antifaschistische Linke Münster hat uns das Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Weiblich, jung, rechts: Die Münsteraner Youtuberin Naomi Seibt soll der neue Star der Neuen Rechten werden. Den Aufstieg befördern ihre Gesinnungsgenossen in der Afd und eine US-amerikanische Lobby-Organisation, die für Geld gegen den Klimaschutz ankämpft.    

Am vergangenen Freitag stand Münster Kopf. Die Afd hatte wieder zum Neujahrsempfang ins Rathaus eingeladen, Tausende protestierten. Bei der Veranstaltung standen nicht nur Parteigrößen wie Jörg Meuthen, NRW-Landeschef Rüdiger Lucassen und der sächsische Fraktionsvorsitzende Jörg Urban auf der Rednerliste. An vierter Stelle auf dem Tableau führen die Organisatoren “die Bloggerin Naomi Seibt” auf.

Naomi wer? Mit diesem Namen konnten bis vor Kurzem allenfalls Beobachter der Szene etwas anfangen. Das allerdings ändert sich gerade. Die Münsteranerin sorgt zunehmend für Aufsehen, seitdem sie im vergangenen Frühjahr ihren eigenen Youtube-Kanal gestartet hat. Ihren rund 45.000 Abonnenten trägt sie in den augenscheinlich mit sehr einfachen Mitteln produzierten Clips ihre Ansichten zu Themen wie Migration (Stoppen!) und dem Klimawandel (Anthropogener Einfluss zweifelhaft!) vor.

Die 19-Jährige legt ihre Positionen recht deutlich in den zahlreichen Interviews und Vorträgen dar, zu denen sie eingeladen wird. Im Gespräch mit dem rechten Blogger Oliver Flesch sagte sie nur wenige Tage nach den Vorkommnissen von Halle, als ein bewaffneter Mann versuchte in eine Synagoge einzudringen und dort ein Massaker anzurichten: “Der Otto-Normal-Verbraucher-Deutsche steht da ganz unten, sozusagen. Dann kommen irgendwo so dazwischen die Moslems, und ganz oben steht eben der Jude als so das Unterdrückungsmerkmal schlechthin.”

Die Neue Rechte umgarnt Naomi Seibt

Von dem ZDF-Magazin “Frontal 21” damit konfrontiert, erklärte sie laut Manuskript: “Wenn jemand das als etwas Anderes wahrnimmt, na gut, dann kann ich diese Wahrnehmung natürlich nicht beeinflussen.” Antisemtisch sei die Aussagen nicht gemeint gewesen. Dem Schweizer Medium “20 Minuten” erklärte sie kürzlich: “Aber nicht alle Menschen, die etwa unter Hungersnot leiden, können nach Deutschland kommen. Sie bekommen dann nur mehr Kinder, das können wir nicht stemmen.”

“Naomi Seibt nutzt deutlich ihre Rolle als junge, ungefährlich erscheinende Frau, um ihre extrem rechten und verschwörungsideologischen Inhalte etwas weicher zu transportieren”, sagt Kathalena Essers von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus. Und die Strategie scheint aufzugehen, denn die Neue Rechte jedenfalls scharrt sich um Naomi Seibt.

Auf Youtube lud die US-amerikanische Alt-Right-Influencerin Brittany Pettibone, inzwischen verheiratet mit Martin Sellner, dem Chef der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, zum Plausch (Titel des Videos: “Fighting for Germany”). “It startet in 2015 with the migration crisis”, parlierte die Einser-Abiturientin in respektablem Englisch. “I was obesessed with that topic and I started talking about ist. With my friends, with teachers and everyone around. That’s when I started realising that my views offended other people.” Sie habe nicht einen einzigen Freund gehabt, der ihre Ansichten teilte: “They couldn’t look behind this curtain that the media puts in front of people like you und I (sic).”

Vom Paulus zum Saulus

Im Chat mit Pettibone erklärte sie ihre Position zu ihrem neuen Leib-und-Magen-Thema Klimawandel: “It’s incredibly dangerous indoctrination from certain parties that believe in this (den anthropogenen Klimawandel/Anm. d. Red.). We have such a tiny effect on the climate, we have so few CO2 emissions, so even if you do believe, CO2 emissions cause climate change, it is ridiculous to take away the people’s freedoms, to destroy the entire economy, to risk a shutdown of all electricity.”

Passenderweise steht der Klimawandel auch bei der Afd derzeit ganz weit oben auf der Agenda. Alexander Gauland sieht hier gar das dritte große Thema der Partei nach Euro und Flucht. “Das Thema Klimawandel ist aktuell und gesellschaftlich relevant und somit sicherlich ein Feld, in dem AfD und Umfeld Wirkung erzielen können”, erklärt Essers. “Das ist auch im Zusammenhang damit zu sehen, dass im Themenfeld Migration vermeintliche Elitenkritik, Tabubrüche und Emotionalisierung zunehmend bereits als normalisiert wahrgenommen werden.”

Das Narrativ von Naomi Seibt ist hier stets immer das gleiche: Sie habe früher auch an den menschengemachten Klimawandel geglaubt, “Bäume umarmt” und Papier- statt Plastiktüten gekauft. “Ich war wohl eine von diesen 99 Prozent, dieses 99 Prozent-Märchens, das uns immer erzählt wird”, erklärte sie bei einer Veranstaltung des Europäischen Instituts für Klima & Energie – und lag damit voll auf der Linie ihrer Gastgeber.

Jubel über die “Anti-Greta”

Die “Migrationskrise” 2015 aber habe alles verändert, sie sei skeptisch geworden und habe mit eigenen Recherchen angefangen. Hier verweist sie auch auf den Einfluss ihrer Mutter Karoline Seibt, die in rechten Kreisen augenscheinlich bestens vernetzt ist. Treuen Lesern ist sie als Anwältin aus unserer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Afd-Ratsgruppenmitglied Richard Mol oder dem Strafprozess gegen Afd-Lokalmatador Martin Schiller bekannt.

Mit Schiller und einigen anderen Vertretern der Szene war Naomi Seibt Anfang Dezember – zeitgleich zur letzten Weltklimakonferenz – in Madrid. Dort fand eine Gegenveranstaltung statt, die die US-Lobbyorganisation Heartland Institute aufgezogen hatte. Hier war auch Naomi Seibt als Rednerin geladen: “Many topics such as feminism, gender, socialism, postmodernism and climate change hysteria, are all related in some wayand pave the way for a very bad kind of totalitarism. I believe the goal is to change humanity.”

Dort wurd der “Shootingstar” und die “Nachwuchshoffnung” (Oliver Flesch) von der Szene hofiert. Das Alt-Right-Leitmedium Breitbart etwa bat die “Anti-Greta”, die den Begriff nach eigenem Bekunden nicht mag, zum Interview: “They are scared that I might be right, because it is scary to think that our politicians, our leaders might have bad intentions when they tell us to pay incredible carbon taxes for example.”

Was Naomi Seibt zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Zwei Mitarbeiter des Recherchekollektivs Correctiv waren undercover vor Ort. Die Journalisten treffen dort die Youtuberin und James Taylor, den Chefstrategen des Heartland Institute. Und der erzählt, dass Naomi Seibt ein wesentlicher Teil der Medienstrategie des Think Tanks werden soll, um Zielgruppen abseits von alten, weißen Männern zu erschließen: “Sie soll Videos für uns machen. Für die jungen Leute.”

Inhalte gegen Geld?

In einem Telefonat einige Wochen später wird Taylor konkreter. Die Correctiv-Journalisten – mit der Legende als PR-Berater, die im Auftrag deutscher Unternehmen unterwegs sind – fragen nach, ob vorgegebene Inhalte gekauft und dann im Web gestreut werden könnten. Taylor entgegnet, dass sie natürlich zustimmen, sich mit dem Gesagten wohl fühlen müsse. Aber er sei sich recht sicher, dass man das Gleiche wolle. “Stichpunkte, Schlagworte, die Art und Weise, etwas zu präsentieren” – all das könne vereinbart werden.

Nach der Veröffentlichung des Artikels bei Correctiv und der Ausstrahlung des Beitrags bei “Frontal 21” in der vergangenen Woche hat Naomi Seibt mit einem Video – Titel: “How dare you” reagiert. In dem an “an die Mainstream-Medien” adressierten Video spricht sie von “Verunglimpfung” und “Vetrauensbruch”. Zugleich  räumt Naomi Seibt ein, für das Heartland Institute zu arbeiten.

Zuvor hatte sie weder auf unsere Anfragen noch auf jene von Correctiv geantwortet.


Die besonderen Geschichten aus Münster per Mail ins Postfach! Wir informieren Dich mit unserem Nachrichtendienst, wenn ein neuer Artikel online geht. Hier abonnieren:

Unser Newsletter enthält Informationen zu unseren journalistischen Produkten. Hinweise zum Datenschutz, Widerruf, Protokollierung sowie der von der Einwilligung umfassten Erfolgsmessung, erhaltet ihr in unserer Datenschutzerklärung.
 

  1. Ganz schlechter Beitrag. Ihr gießt damit nur Wasser auf die Mühlen der AFD. Correktiv hat ja ganz bewußt weder Namen noch Wohnort der Frau genannt. Die AFD nennt so einen Beitrag “Hexenjagd”. Was die Hexe angeht vielleicht nicht ganz falsch. Aber gemeint ist natürlich das Mittelalter. Und was sollen diese Steckbrief nach dem dieser Artikel aussieht. Warum schreibt ihr da nicht drunter “Tod oder lebend.” Wie gesagt ganz schlechter Beitrag. Meint ihr wenn ich “Die” anspreche ist eine normale Diskussion möglich. Die wird das eher nutzen um sich als Opfer zu präsentieren. Da muß man verdammt vorsichtig sein. Wobei ihr mit sochen Beitragen nicht beitragt. Insgesamt ganz schlechter Beitrag.

    1. Lieber Ingo, danke für Deine wenig konstruktive Kritik. Ob wir wem auch immer Wasser auf die Mühlen gießen oder nicht, ist nicht Gegenstand journalistischer Entscheidungen bezüglich der Relevanz eines Themas. Grüße vom Autor

  2. Wie kann man hier eine Hexenjagd, einen Steckbrief erkennen?

    Neurechte wird sie so oder so als Opfer präsentieren. Das liegt in deren DNA. Dem aus dem Weg zu gehen, hieße, ihr nach dem Munde zu reden.

    Für mich sieht dieser Kommentar ^ eher danach aus als fühle sich ein Neurechter getroffen..

    PS/@Nils: danke für diesen aufklärenden, und gut mit Quellen ausgestatteten, Artikel. Weiter so!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.