Münster

Lockdown: Alkohol und Drogen gegen den Frust?

Symbolbild: Alkohol im Homeoffice

Der Lockdown hat sich nachweislich auch auf den Alkohol- und Drogenkonsum ausgewirkt. Der aktuelle Jahresbericht der Deutschen Suchthilfestatistik gibt zwar nur einen Überblick über den Konsum von 2019, doch es gibt auch andere aussagekräftige Zahlen. Und darüberhinaus einige problematische Entwicklungen.

Fast ein komplettes Jahr im Lockdown hinterlässt auch Spuren in unserem Konsumverhalten. Da liegt der Schluss nahe, dass geschlossene Kneipen, abgesagte Veranstaltungen und ausgesetzte Partys unseren Alkohol- und Drogenkonsum gedrosselt haben. Oder ist es stattdessen so, dass die Menschen aus Frust, finanziellen Sorgen oder Langeweile eher mehr konsumieren? Ganz so einfach sind beide Schlussfolgerungen nicht. 

Die Frage nach dem Warum

Suchtexpert*innen sprechen von positiven und negativen Konsumgründen. Positiv sind solche, die uns aus einer guten Stimmung heraus konsumieren lassen, während die negativen Konsumgründe oft auf Gefühle wie Trauer, Angst und Stress zurückzuführen sind. 

Es gibt also sicherlich Personen, die seit der Pandemie mehr konsumieren. “Die sind meist vorbelastet, ihre Konsummotive sind problematisch”, sagt Udo Reinker, Sozialpädagoge bei der Drogenhilfe Münster. Der Lockdown verstärkt diese Tendenz. Einsamkeit, Angst, Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation: Diese Risikofaktoren sind wegbereitend für den Konsum. Zudem fallen Entlastungsmöglichkeiten wie Tanzen und Sport weg. “Da fehlt das Ventil”, so Reinker. 

Auch die sogenannten Schutzfaktoren fehlen. Das soziale Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle. Während des Lockdowns, gibt es niemanden, auf den man wartet, niemanden, der sagt, wann es reicht. Ein Jugendlicher hat zu Reinker gesagt: “Es gibt keinen Grund mehr, später mit dem Trinken zu beginnen, ich habe nichts mehr zu tun.” Das schleicht sich ein. Auch die fehlende Tagesstruktur ist dabei ausschlaggebend. Für andere ist zudem die fehlende Trennung zwischen Arbeit und Zuhause ein Problem. “Wenn der Alkohol neben einem steht, ist es schwieriger, nicht zuzugreifen”, erklärt Reinker. 

Steigende Beratungsanfragen, eingeschränkte Hilfsangebote

Die Drogenhilfe Münster setzt ihren Fokus eigentlich auf illegale Drogen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen fassen sie auch den Alkohol- und Cannabiskonsum ins Auge und hier fällt auf: Die Beratungsanfragen sind gestiegen. “Das heißt aber nicht, dass tatsächlich mehr Drogen konsumiert wurden”, sagt Reinker.

Was zuvor nach der Schule, bei Freunden oder in Clubs stattfand, hat sich durch den Lockdown in den häuslichen Bereich verlegt. “Die Eltern bekommen es jetzt erst mit und kontaktieren uns”, vermutet er. Bei den sogenannten Partydrogen wie Amphetaminen, Ecstasy und Kokain rechnet Reinker dagegen mit einem Rückgang.  

Nicht nur auf das Konsumverhalten, sondern auch auf den Zugang zu Hilfsangeboten hat sich Corona ausgewirkt. Auch wenn die Drogenberatung als systemrelevant angesehen wird: Der Zugang zu Hilfsangeboten ist schwieriger geworden. Reinker erklärt, warum: Spontane Termine, Frühstücksangebote oder Tagesaufenthalte können gar nicht oder nur eingeschränkt stattfinden. Präventionsangebote werden nicht mehr in den Schulen, sondern nur noch online angeboten. Die Wartezeiten bei stationären Behandlungen haben sich verlängert.  

Fabian Gottschlich, Sozialarbeiter und Suchttherapeut beim Caritasverband, ist aufgefallen, dass der Alkoholmissbrauch der über 18-Jährigen im ersten Lockdown zurückgegangen und im zweiten gestiegen ist. “Der Konsum konnte nicht mehr verheimlicht werden”, vermutet er. Dabei betrifft die Alkoholsucht Menschen aller sozialen Schichten. Wer besser aufgestellt ist, dem fällt sogar die Verharmlosung leichter. Man trinkt dann im gesellschaftlich anerkannten Rahmen. Zumindest bei den ohnehin suchtgefährtdeten Menschen sieht Gottschlich die Gefahr, die Sucht jetzt in den eigenen vier Wänden unkontrolliert auszuleben. 

Ambivalente Umfrageergebnisse trotz steigender Steuereinnahmen

Für das Haushaltsjahr 2020 verzeichnet das Bundesfinanzministerium einen Anstieg um 5,7 Prozent bei den Einnahmen durch die Alkoholsteuer. Die Schaumweinsteuer brachte rund 5,5 Prozent mehr ein. Mit dem tatsächlichen Konsum der Bürger*innen können diese Zahlen allerdings nicht gleichgesetzt werden, denn unklar bleibt, ob die erworbenen Güter auch tatsächlich konsumiert wurden. 

Das Gemeinschaftsprojekt Cosmos, an dem u. a. das Robert-Koch-Institut beteiligt ist, hat das Trinkverhalten während der Pandemie unter die Lupe genommen. In der Häufigkeit des Alkoholkonsums ließ sich jedoch kaum eine Veränderung beobachten. Lediglich bei den Menschen, die wöchentlich Alkohol konsumieren, sei der Konsum zurückgegangen. 

Zu einem anderen Schluss ist eine forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse gekommen: Etwa ein Viertel von denjenigen, die ohnehin mehrmals wöchentlich zur Flasche greifen, gaben an, seit Corona häufiger zu trinken. Auch der Zigarettenkonsum ist offenbar gestiegen: Jeder neunte regelmäßige Raucher und jeder dritte Gelegenheitsraucher gab zu, seit der Pandemie häufiger zu rauchen. 

Mehr Drogenkonsum im öffentlichen Raum

Wer härtere Drogen konsumiert und auf eine saubere Umgebung und sterile Spritzen angewiesen ist, wendet sich an das Drogenhilfezentrum INDRO e.V. Ralf Gerlach ist Dipl.-Pädagoge und arbeitet hier seit über 20 Jahren. Er war von Anfang an dabei. Ob der Drogenkonsum zugenommen hat, kann Gerlach nur schätzen. Bei der mobilen Spritzenentsorgung sammeln die Mitarbeiter*innen fünfmal wöchentlich gebrauchte Spritzen im öffentlichen Raum ein. Gegenüber dem Vorjahr ist die Anzahl der eingesammelten Utensilien leicht gestiegen. Das lässt zumindest eine grobe Vermutung darüber zu, wie viele sich gerade in der Szene aufhalten. 

Außerdem beobachtet Gerlach einen steigenden Alkoholkonsum. Der Grund: Einnahmequellen wie das Betteln und das Sammeln von Pfandflaschen sind durch die Pandemie versiegt. Für einige von Gerlachs Klient*innen ist Alkohol daher eine günstige Ausweichdroge. 

Bei INDRO haben die coronabedingten Hygienevorschriften den Zugang zu Hilfsangeboten stark eingeschränkt (wir berichteten). Im Drogenkonsumraum dürfen mitgebrachte Drogen unter Aufsicht konsumiert werden. Die sechs vorhandenen Plätze mussten auf zwei reduziert werden. Die Folgen: Längere Wartezeiten, Schlangen vor der Einrichtung und mehr Konsum im öffentlichen Raum. Auch die Anfeindungen aus der Anwohnerschaft hätten dadurch zugenommen, sagt Gerlach. Und das wirke sich wiederum negativ auf die Psyche der Betroffenen aus. 

Die reduzierten Plätze hatten allerdings auch noch einen anderen Effekt: Die Unterstützungsleistung ist prozentual gestiegen. Im Jahr 2020 konnten von 11.000 Konsumvorgängen 303 Personen in eine weiterführende ärztliche Behandlung vermittelt werden. 2019 waren es nur 311 bei fast doppelt so vielen Konsumvorgängen. Der Bedarf an Hilfsangeboten wäre demnach deutlich höher, aber die Kapazitäten reichen nicht aus. 

Drogenmissbrauch und Wohnungslosigkeit 

Das führt zu einem weiteren Punkt: Drogenabhängigen geht es bundesweit gesundheitlich schlechter als in den Vorjahren. Ein Trend, der sich auch in Münster abzeichnet. Den Grund dafür sieht Gerlach darin, dass etwa 30 bis 40 Prozent seiner Klient*innen wohnungslos sind. Tendenz steigend. Beengte Lebensverhältnisse, fehlende medizinische Versorgung, mangelnde Hygiene: Die prekären Verhältnisse führen dabei nicht nur zu gesundheitlichen Notlagen, sondern auch zu einem höheren Infektionsrisiko für Corona.

Gerlachs Beobachtungen zu Alkoholkonsum, Gesundheitszustand und psychischer Verfassung der Konsument*innen decken sich mit den Ergebnissen einer qualitativen Erhebung der Frankfurter Goethe-Universität. Hier ist zudem von einer grundsätzlich schlechteren Stimmung in der Szene die Rede, von “gestiegenen Aggressionen, größerer Verunsicherung und einem Sich-Abgehängt-Fühlen.”

Anstieg der globalen Armut

Durch Corona steigt die globale Armut weiter an und mit den finanziellen Sorgen nehmen auch die psychischen Probleme zu. 

Da Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit über einen längeren Zeitraum entstehen, rechnet Gerlach nicht mit einer kurzfristigen Auswirkung der Pandemie. Allerdings könnten zumindest die negativen Konsumgründe während der Pandemie zugenommen haben. Und selbst aus dem Konsum während einer schweren Phase kann letztendlich Gewohnheit werden. 

Die Behandlung der Ursachen von psychischen Erkrankungen aufgrund von Stress, Einsamkeit und finanziellen Sorgen könnte dabei helfen, vermehrtem Konsum und Abhängigkeiten vorzubeugen. 

Sichere Erkenntnisse über das Klientel, die Hauptdiagnosen und die Betreuung liefert erst der Bericht der Deutschen Suchthilfestatistik im November 2021. Grundlage sind die Daten der Suchthilfeeinrichtungen.


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