Münster

Drogen und Covid-19: Die Szene ist aufgeklärt

Drogenkonsum in der Covid-19-Pandemie: Im Drogenhilfezentrum “Indro” können sich Konsument*innen weiterhin kontrolliert Drogen verabreichen.

Auch vor Drogenkonsument*innen macht das Coronavirus keinen Halt. Während auf den ersten Blick am Bremer Platz alles wie gehabt ist, treibt auch die dortige Drogen- und Alkoholszene die Angst vor dem Virus.

Das “niedrigschwellige Drogenhilfezentrum” Indro – so nennt es sich auf ihrer Website – sieht man nicht direkt, wenn man den Bremer Platz Richtung Wolbecker Straße entlanggeht. Doch nun sticht einem etwas ins Auge: Vor dem Laden mit den milchfarbigen Türen hängen gelbe Plakate, auf denen steht, wie sich die Menschen, die kommen möchten, verhalten sollten und was gerade an Spenden benötigt wird.

Das Drogenhilfezentrum stellt für “Konsumentschlossene” – so werden die Menschen genannt, die in den Konsumraum kommen möchten – eine Möglichkeit bereit, sich ihre eigene Dosis dort kontrolliert zu applizieren. Gleichfalls bietet die Einrichtung auch einen Spritzentausch und Beratungsangebote für die Konsument*innen an.

Doch Covid-19 macht selbstverständlich auch in der Szene nicht halt. So musste auch Ralf Gerlach, Leiter des Indro, mit seinen Mitarbeiter*innen ihre Angebote deutlich herunterfahren, um den Maßnahmen in der Corona-Krise gerecht zu werden. Die Einschränkungen sind hart, aber würde das Drogenhilfezentrum geschlossen werden, “würden die Leute ja völlig alleine gelassen werden”, sagt Ralf Gerlach am Telefon. Dennoch können Drogenabhänge die Einrichtung weiterhin aufsuchen – auch wenn gelegentlich Geduld gefragt ist.

Keine Rezession im Münsteraner Drogenmarkt

Der Shutdown der Hilfsangebote spiegelt sich auch konkret in den Zahlen wieder: “Während wir letztes Jahr im April 1.718 Konsumvorgänge hatten, werden wir in diesem April nur ca. 400 Konsumvorgänge zu verzeichnen haben”, stellt Gerlach fest. Der Markt sei jedoch – im Gegensatz zu anderen Städten – stabil, konstatiert Gerlach. Die Preise sind nicht gestiegen, die Nachfrage ist ungebrochen.

Verändert habe sich allerdings die Anzahl der Spritzentausche. “Ich war selbst überrascht. Pro Woche tauschen wir im Moment 2.500 bis 2.800 gebrauchte Spritzen gegen neue aus”. Normalerweise seien das weniger, ungefähr 2.000. Der Grund könnte sein, dass die Menschen bewusster mit den Spritzen umgehen, um sich vor Infektionen zu schützen. “Der Spritzentausch in der Einrichtung bekommt einen zusätzlichen Wert. Die Spritzen werden weniger irgendwo hingeschmissen, weil die Menschen wissen, dass das gefährlich werden kann”, sagt Ralf Gerlach.

Aufgeklärte Szene: Keine Unsicherheit, sondern Angst

“Die Menschen in der Szene sind über Corona sehr gut aufgeklärt”, sagt der Leiter des Indro. Sowohl der private Sicherheitsdienst, den die Stadt zur Kontrolle und Aufklärung vor Ort eingesetzt hatte als auch Mitarbeiter*innen des Drogenhilfezentrums klären dort die Menschen über die notwendige Verhaltensregeln und Tagesaufenthaltsangebote der Stadt auf. Für die Menschen aus der Szene “herrscht mittlerweile auch keine Unsicherheit mehr. Aber die Angst vor einer Infektion bleibt”, sagt der Leiter des Indro.

Was jedoch auffällt, wenn man an den roten Backsteinen genauer hinschaut: Der Sicherheitsdienst ist mittlerweile abgezogen. Die Pressestelle der Stadt bestätigt dies auf Anfrage; Ordnungsamt und Polizei würden sich über das weitere Vorgehen zur Aufklärung und Weitergabe von Informationen an die Menschen eng abstimmen.

Die Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, versuchen die Menschen vor Ort möglichst einzuhalten, sagt Ralf Gerlach. Beim Dealen, gemeinsamen Rauchen und Trinken könne die Abstandsregel jedoch nicht ganz so einfach eingehalten werden: “Die Menschen stehen der Sache nicht leicht gegenüber”. Bei der Stadt hört man nicht ganz so positiven Eindrücke: “Sie (die Szene am Bremer Platz, Anm. d. Verf.) hält die Abstandsregeln nur zum Teil ein”, heißt es in einer Pressemitteilung aus der letzten Woche.

Keine Örtlichkeiten vor Ort

Den Konsument*innen fehlt es jedoch vor Ort an Möglichkeiten zum Händewaschen und einer Toilette. Die Tagesaufenthaltsangebote der Stadt würden zwar von der Wohnungslosenszene gut angenommen, von drogenabhängigen Menschen hingegen aber in nur in geringem Umfang, stellt Ralf Gerlach fest. Für die weitere Aufklärung der Drogenabhängigen hat Indro allerdings eigenständig ihre Kapazitäten erhöht, um auf die Hilfsangebote aufmerksam zu machen. 

Wieso die Hilfsangebote der Stadt nicht so intensiv von der Szene genutzt werden? “Es wird sich nun einmal primär an angestammten Sozialräumen aufgehalten und natürlich vor allem dort, wo es Drogen zu kaufen gibt”, merkt Ralf Gerlach an. Die Nachfrage nach Drogen sei ungebremst hoch und vertreibe man die Szene von der Grünfläche am Bremer Platz, “würden sich Szene und Dealer nur auf andere Quartiersbereiche verteilen”, schätzt er. Das hätte zur Folge, dass mehr Beschwerden der Anwohner*innen eingehen würden. “Zumindest während der Coronazeit sehe ich keine wirksame Alternative zu den aktuellen Angeboten”, sagt Ralf Gerlach abschließend.


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