Münster

Langzeitarbeitslosigkeit: Endstation Jobcenter

Symbolbild Langzeitarbeitslosigkeit

Die Wirtschaft brummt und brummt – in Deutschland insgesamt, in Münster sowieso. Doch der anhaltende Aufschwung kommt längst nicht bei allen an. So ist die Langzeitarbeitslosigkeit in Münster in den letzten Jahren teils deutlich gestiegen.

Deutschland ist so etwas wie ein Wirtschaftswunderland. Seit der Finanzkrise vor rund zehn Jahren brummt der Konjunkturmotor. Die Wirtschaft wächst unaufhörlich und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) darf sich über sprudelnde Steuereinnahmen freuen. Sogar die Reallöhne steigen und regen viele Deutsche zu verstärkten Konsumausgaben an.

Das ist aber nur die eine Hälfte der Wahrheit, denn in strukturschwachen Regionen und bei Menschen mit geringer Qualifikation sieht das anders aus. Wer es in der Vergangenheit auf dem Arbeitsmarkt schwer hatte, hat es häufig auch heute noch schwer. Das ist auch in Münster der Fall, wo man ebenso wie im Süden der Republik eher von Fachkräftemangel spricht als von der Problematik, dass es Menschen gibt, die in der Langzeitarbeitslosigkeit zu versinken drohen.

“Trotz schon länger anhaltender guter gesamtwirtschaftlicher Situation (…) partizipieren Langzeitarbeitslose, insbesondere diejenigen mit länger anhaltender Arbeitslosigkeit, nicht im gleichen Maße an dieser positiven Entwicklung”, heißt es in einer städtischen Beschlussvorlage mit dem Titel “Weiterentwicklung des sozialen Arbeitsmarktes in der Stadt Münster”, über die der Haupt- und Finanzausschuss im Februar entscheiden soll.

Trotz Aufschwungs: Langzeitarbeitslosigkeit steigt

Die in dem Dokument aufgeführten Zahlen des Jobcenters sprechen eine deutliche Sprache. Verzeichneten die Statistiker 2008 im Durchschnitt noch rund 3.200 Langzeitarbeitslose – also Menschen, die bereits mehr als ein Jahr ohne Erwerb sind – waren es 2017 rund 3.500. Dabei stechen besonders Menschen hervor, die bereits länger in der Langzeitarbeitslosigkeit leben. Der Zahl der derjenigen, die fünf Jahre und länger beim Jobcenter gemeldet sind, hat sich im genannten Zeitraum auf knapp 800 annähernd verdoppelt.

Hier gilt: Es trifft vor allem die Schwachen. Ältere Menschen, Geringqualifizierte, Alleinerziehende. Die wesentliche Hürde auf dem Weg zurück in Lohn und Brot ist der Umstand, dass überhaupt potentiell passende Angebote auf dem Arbeitsmarkt gefunden werden müssten, führen die Autoren des Papiers aus: “Weiter verschärft wird die Problematik dadurch, dass ein deutlicher Rückgang an Einfacharbeitsplätzen zu verzeichnen ist, die bisher für nicht qualifizierte (Langzeit-)Arbeitslose noch gewisse Chancen auf Teilhabe boten.”

Was genau unter “gewisse Chancen” zu verstehen ist, führte das Jobcenter bereits auf unsere Anfrage zur Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit im vergangenen Sommer aus: “Allerdings bestehen auch in diesem Segment teilweise hohe Anforderungen an die physische und psychische Leistungsfähigkeit, beispielsweise körperlich belastende Tätigkeiten, Akkord- oder Schichtarbeit, die potenzielle Bewerber/-innen nicht in Gänze erfüllen können, sodass sie diese Arbeit nicht aufnehmen können bzw. nach kurzer Zeit wieder aufgeben müssen.” Die Gründe hierfür seien polykausal, beispielsweise fehlende Kindesbetreuung oder eingeschränkte gesundheitliche Leistungsfähigkeit.

Neuer Anlauf in Münster

Arbeitsmarktexperten sprechen an dieser Stelle von “multiplen Vermittlungshemmnissen”, die dafür sorgen, dass etwa Alleinerziehende ohne Schulabschluss keine realistische Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Als Lösung wird ein sozialer Arbeitsmarkt propagiert. Die Idee: Der Staat soll Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren, beispielsweise Anreize für Arbeitgeber bieten, entsprechende Angebote zu schaffen. Das kann unter anderem über Lohnzuschüsse passieren.

Entsprechende Angebote gibt es bereits in Münster. Die Verwaltung schlägt nun in der besagten Vorlage vor, die Problematik mit einem neu zu schaffenden, Kommunalen Servicecenter für Arbeit (KSCA) anzugehen. Hierbei handele es sich um eine “virtuelle Beschäftigungsgesellschaft”, in der die momentan auf mehrere Institutionen verteilten Aktivitäten in diesem Bereich gebündelt werden sollen. Die KSCA soll Betreuung der Jobcenter-Kunden aus einer Hand bieten, denn hier ist oftmals nicht nur arbeitsbezogene, sondern auch sozialpädagogische Hilfe angezeigt.

Ein wesentlicher Punkt ist nicht nur die Akquise von Mitteln aus den zahlreichen staatlichen Förderprogrammen. Durch das Teilhabechancengesetz beispielsweise, das seit Jahresbeginn in Kraft ist, hat das Jobcenter laut Mitteilung vom Dienstag neue Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber wie für langzeitarbeitslose Menschen. “Wir haben mit der Umsetzung haben längst angefangen”, berichtet Jobcenter-Leiter Ralf Bierstedt. “Erste Beschäftigungsverhältnisse haben wir bereits jetzt im Januar vermittelt.”


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