Stadtgeschichte(n)

Im Kampf um Leben und Tod: Eine Rettungssanitäterin erzählt

Symbolbild: Eine Rettungssanitäterin erzählt aus ihrem beruflichen Alltag. (Foto: Camilo Jimenez/Unsplash)

Symbolbild: Eine Rettungssanitäterin erzählt aus ihrem beruflichen Alltag. (Foto: Camilo Jimenez/Unsplash)

Leben retten. Tag für Tag. Minute für Minute. Immer ein Kampf gegen die Uhr. Der Beruf der Rettungssanitäterin ist immer aufregend, häufig tragisch und manchmal ärgerlich. Wir haben mit Petra über ihren nicht ganz alltäglichen Job gesprochen.

Nach einem solchen Gespräch bleibt man nachdenklich zurück. Petra (Name von der Redaktion geändert/bitte den Hinweis beachten) ist seit viereinhalb Jahren hauptamtlich im Rettungsdienst tätig. Doch sieht sie täglich Dinge, die die meisten Menschen allenfalls aus dem Fernsehen kennen. Die Serien-Rettungssanitäterin, die Polizeimeldungen über tragische Unfälle. Aber Petras Leben ist keine dürre Meldung aus der Zeitung, keine Fiktion, sondern mitunter bittere Realität.

“Meinen allerersten Einsatz als Hauptamtliche, das war ein Unfall auf der A1 mit einer E-Klasse. Ich dachte: ‘Scheiße, hier hat’s geknallt, jetzt muss ich die 112 rufen’. Erst einen Moment später habe ich realisiert, dass ich das ja bin. Da kommt niemand mehr.”

Treat first what kills first

“Man hat in solchen Situationen ein klares Schema, wie man vorgeht: ‘Treat first what kills first.’ Die Ausbildung war sehr gut. Und doch ist es jedes Mal aufs Neue herausfordernd. Das Setting ist immer anders. Andere Orte, Gaffer, andere Gefahren.

Manchmal sind die Leute betrunken oder auf Droge. Besonders bei Einsätzen auf Straßen müssen wir die Eigensicherung im Blick haben. Viele Einsatzkräfte werden verletzt. Es gibt Leute, die sich lieber durch die Unfallstelle durchdrängeln, denen ist alles egal, die behindern lieber den Einsatz.”

Die Zahl der Notdiensteinsätze ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Immer wieder kommt es zu Bagatelleinsätzen, weil Menschen ohne das Vorliegen eines wirklichen Notfalls die 112 wählen.

In einer Erhebung der Ruhr Universität Bochum aus dem Jahr 2017 gaben 26 Prozent der befragten Rettungskräfte aus NRW an, in den vorherigen zwölf Monaten Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. 92 Prozent wurden Opfer verbaler Gewalt, 75 Prozent der Befragten im Rettungseinsatz berichteten von einem nonverbalen Übergriff. Gegenüber der Vorgängerstudie stellten die Forscher hier keine signifikanten Veränderungen fest.

Petra hat in Münster angefangen und ist nun in einer Kleinstadt im Münsterland tätig. “Das ist ein Unterschied, teilweise haben wir 30 Kilometer Transportweg. In Münster sind es höchstens fünf oder sechs Kilometer, aber auch das ist schwierig. Wir müssen immer in die Stadt rein, über die Weseler Straße oder den Ring, auf der Hinfahrt fahren wir meistens mit Alarm.

Der Rückweg ist dann eher ein Problem. Da brauchst du eine Stunde für die Strecke.” Für diese Zeit sei der Wagen auch in der Kleinstadt nicht verfügbar, denn da ist nur einer stationiert.

Petra ist Münsteranerin, aber in einen anderen Ort gewechselt, um eine Distanz zur Heimat zu haben. Viele Patienten müssen von dort aus in die nächstgrößeren Städte gebracht werden. Neurologische und kardiologische Fälle beispielsweise kommen nach Münster, Dortmund oder Lünen.


Hinweis zu diesem Text

Das Interview mit Petra hat bereits im April 2019 stattgefunden.  Leider reagierte sie in der Folge nicht mehr auf Anfragen bezüglich der Autorisierung der Zitate und Absprachen mit ihrem Arbeitgeber. Das finden wir sehr schade! Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, die Geschichte aufgrund ihrer Relevanz in anonymisierter Form zu veröffentlichen. Dieser Vorgehensweise hatte sie seinerzeit zugestimmt.


“Die Alarmfahrt in der Stadt ist schwierig, vor allem in Wohngebieten. Da, wo viele Menschen auf einem recht kleinen Gebiet wohnen. Es wird an den Straßen geparkt, da stehen die Autos dann vor dem großen Vorgarten. Manchmal kommen wir dann mit dem RTW nicht weiter und müssen auch schonmal zurückfahren.

Wenn es um die Aspiration bei einem Säugling geht, Herzinfarkt, Reanimation, da kommt es auf jede Minute an. Das ist auch für die Menschen schwierig, für die ist jede Sekunde eine Ewigkeit. Wir müssen dann aussteigen, mindestens zwei Rücksäcke mitnehmen, die jeweils zehn bis 13 Kilo wiegen, EKG, Defibrillator. Das ist essentiell, ein Absauger bei einem Aspirationstrauma, wenn Mund oder Rachen abgesaugt werden müssen. Wir standen auch schon vor einer Unterführung, die zugeparkt war. Dann sind wir gezwungenermaßen 900 Meter gelaufen, das dauert seine Zeit. Das ist schon eine ziemliche Drucksituation.”

Ärger mit den Falschparkern

Ein anderes Problem stellen die Falschparker da, die den Rettungskräften den Zugang zum Einsatzort erschweren. Die Feuerwehr macht regelmäßige Befahrungen, um die Passierbarkeit der Straßen zu prüfen. Die ist nämlich nicht immer gegeben (wir berichteten). Immerhin: In Münster sind die Rettungskräfte im innerstädtischen Bereich in 91 Prozent der Fälle innerhalb der Vorgabe von maximal acht Minuten vor Ort, wie aus dem entsprechenden Bedarfsplan hervorgeht.

“Wenn wir die Leute darauf ansprechen, reagieren sie unterschiedlich. Wir stehen zum Beispiel während eines Einsatzes mit dem RTW in einer Auffahrt und werden zugeparkt. Da heißt es dann: ‘Das ist mein Parkplatz, ich zahle dafür.’ Da fasst man sich an den Kopf!

In einem Einsatz hatte ein Kind ein Legoteil verschluckt, die Atmung war beeinträchtigt. Man weiß, es geht um jede Sekunde, dann muss man aber langsamer fahren, weil man nicht links und rechts anecken möchte. Das ist schon eine ziemliche Drucksituation.

Fünf Minuten Verzögerung – ein Auto stand im Weg

Gerade, wenn man das Einsatzstichwort hat ‘eingeklemmte Person, laufende Reanimation’ muss man sich in die Situation hineinversetzen. Wir sind fünf Minuten später gekommen, weil ein Auto im Weg stand. Bei einem Schlaganfall ist jede Minute später eskalativ. Andersherum muss man sich vorstellen… Bei der Person, die eingeklemmt ist, da steigt die Panik.

Ich wünsche mir eine stärkere Sanktionierung von Verkehrsbehinderungen. Was auch cool wäre: In Skandinavien haben Polizei und RTW einen Störsender auf dem Wagen, der sagt den umliegenden Autos über das Radio ‘Fahren sie rechts ran, ein RTW nähert sich’. Das verhindert Überraschungsmomente.” Und die kann man wahrlich nicht gebrauchen, wenn es um Leben oder Tod geht.


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