Münster

Wohnungslose und Corona: “Zwischen Abwarten und Ängstlichkeit”

Wohnungslose

Ungefähr 1.300 Wohnungslose lebten 2018 in Münster auf der Straße. (Symbolbild / Foto: blu-news.org / CC BY-SA 2.0)

Die Corona-Maßnahmen treffen Wohnungslose besonders. Hilfsangebote mussten eingeschränkt werden, die Unterkünfte sind voll ausgelastet. Wie geht es diesen Menschen in Zeiten von Covid-19?

“Wir haben vor Wochen der Stadt gesagt, dass sie uns nicht vergessen sollen. Die bedürftigen Menschen haben ja an sich keine Lobby. Wir sehen es als unsere Aufgabe, ihnen eine Lobby zu geben”, sagt Thomas Mühlbauer von der Bischof-Hermann-Stiftung. Die Stiftung betreut in Münster mehrere Hilfsangebote für Wohnungslose, darunter auch Übernachtungsmöglichkeiten. “Keine Person, die das nicht möchte, muss draußen schlafen”, ist das Motto der Helfenden.

Aber: Der Platz werde eng. Auch könnten die aktuellen Vorgaben der sozialen Distanz nicht mehr eingehalten werden, stellt der Sozialarbeiter fest. In effectu mussten die Hilfsangebote, die die Stiftung sonst anbieten würde – von Ämtergängen und Wohnungssuche bis zur Ausgabe von Mahlzeiten – stark eingeschränkt werden. Essen sei aber für die Bedürftigen noch da, auch wenn es nur geschmierte Butterbrote sind.

“Unsere Gäste sind ein Spiegel der Gesellschaft”

Wie gehen die Bedürftigen mit den Maßnahmen um? “Die Reaktionen reichen von gelassenem Abwarten bis hin zu einer lähmenden Ängstlichkeit”, sagt Matthias Eichbauer von den Alexianern. Die Einrichtung betreut eigentlich einen sozialen Treffpunkt in der Innenstadt, der jedoch aktuell nur als Essenausgabe dient.

Dass sich die Wohnungslosen nicht an das “social distancing” halten, wie es in Medienberichten manchmal heißen würde, weist er stark zurück. Gerade die bedürftigen Menschen seien diejenigen, die sich jetzt genauer an die Regeln halten; die Gefahr sei zu groß, dass ihnen ihre letzten Ressourcen verloren gehen. “Wir erleben bei fast allen unseren Gästen eine hohe Solidarität”, freut sich Eichbauer.

Allerdings merkt er noch etwas anderes: “Psychisch vulnerable Menschen zeigen meiner Meinung nach verstärkt Symptome”. Auch Menschen mit Suchterkrankungen würden in der jetzigen Situation in alte Muster zurückfallen. “Unsere Gäste sind in vielerlei Hinsicht ein Spiegel der Gesellschaft.”

Einrichtungen sehnen sich nach städtischer Hilfe

Sowohl Thomas Mühlbauer als auch Matthias Eichbauer hoffen auf weitere und tiefgreifende Unterstützung von der Stadt.  Es mangele vor allen Dingen an Platz, der nun gesperrt ist (Sportparks, öffentliche Einrichtungen, in denen sich die Menschen tagsüber aufhalten können).

Die Bischof-Hermann-Stiftung wünscht sich auch explizit eine bessere Versorgung mit Schutzkleidung oder Mahlzeiten. Gerade bei dem steigendem Hilfebedarf, der auf die Einrichtungen zukommt, hoffen sie, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. “Wir sind auch noch da”, so Mühlbauer.


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  1. Die Darstellung der besonderen Not Wohnungsloser ist zu begrüßen, nimmt sie doch ansonsten kaum ein Medium der sogenannten “Qualitätspresse” wahr, wenn nicht gerade ein Prominenter sich mit einem Obdachlosen aus PR Gründen ablichten lässt …

    – Wäre es allerdings nicht viel wichtiger zu fragen wieso es in unserem (angeblich so reichen) Land für manche Menschen keine Alternative als die Obdachlosigkeit gibt?
    – Warum die sozialen Systeme nur spärlich bedient werden, wohingegen für (Bankenrettung und) Corona-Massnahmen-Ausgleich für Unternehmen plötzlich Milliarden zur Verfügung stehen?
    – Warum begreifen nicht mehr Menschen, dass seit Jahren die Politik gegen die Interessen des Wahlvolkes und im Interesse der Kapitaleigner & Kapitalverwalter agiert?

    Corona ist sicher eine harte Prüfung für das Gemeinwesen – es sollte aber nicht den Blick auf die zugrunde liegenden Mechanismen dieser Gesellschaftsordnung verstellen, in der die politische Mitte ganz weit nach rechts abgedriftet ist.

    1. LieberrHerr von Sulecki, ob Ihre Fragen viel Wichtiger sind kann und möchte ich nicht beurteilen. Es sind auf jeden Fall wichtige Fragen. Die Gründe warum Menschen obdachlos sind sind sicherlich so vielfältig wie die Menschen selber. Daher möchte ich auf drei konkrete Projekte hinweisen die ich gut finde:
      1. Der Housing-First-Fond wo Wohnungen für Obdachlose bereitgestellt werden ohne Vorbedingungen. Leider so weit ich weiß noch nicht in Münster: https://www.housingfirstfonds.de/
      2. Das Straßen-Magazin “draußen!” ist jetzt auch online erhältlich: http://www.strassenmagazin-muenster.de/
      3. Am Bolzplatz am Hansaring gibt es einen “Gabenzaun” (blödes Wort) an dem Spenden für Obdachlose aufgehangen werden.

  2. Vielen Dank für diesen guten Atikel und den noch besseren Lserbrief von Wolfgang von Sulecki.

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