Münster

Unbekannte beschädigen umstrittenes Train-Denkmal

Unbekannte haben das Train-Denkmal am Ludgeriplatz beschädigt.

Das Train-Denkmal an der Promenade sorgt immer wieder für Kontroversen. In der Nacht zum Montag haben Unbekannte es schwer beschädigt. Dahinter steckt eine politische Botschaft.

“Wo ein Denkmal fällt, soll ein Mahnmal entstehen”, lautet die Forderung der Aktivist*innen der Initiative “Mahnmal statt Denkmal” in dem uns vorliegenden Bekennerschreiben. Sie fordern, gerade vor dem Hintergrund der neu aufflammenden #BlackLivesMatter-Proteste aus den USA, das Entfernen des gesamten Denkmals. In der Nacht zum Montag haben sie die Inschriften des Denkmals mit einer schwarzen, nach Teer riechenden Substanz beschmiert.

“Eine singuläre weiße Geschichtsschreibung, die nicht-weißen Menschen keinen Platz im kollektiven Gedächtnis dieser Welt einräumt, negiert diese Gewalttaten bis heute. Weiße Kolonialherren werden ikonisch-heldenhaft hochstilisiert, ihre Verbrechen werden (größtenteils) verschwiegen oder relativiert”, schreibt die Initiative in einer Erklärung. Diese Geschichtsschreibung drücke sich heutzutage auch in unserer direkten Umwelt aus: Es gebe Denkmäler und Statuen für weiße, kritische Stimmen würden fehlen.

Fragwürdige Erinnerung

Auf der Internetseite der Stadt Münster heißt es, die Inschriften am Train-Denkmal erinnern “an ein Mitglied der Trainabteilung, das in China während der Niederschlagung des Boxeraufstandes starb, sowie an zwei Train-Soldaten, die in Deutsch-Südwestafrika 1905/06 bei der blutigen Niederschlagung von Aufständen der Hereros und der Namas gegen die deutsche Kolonialmacht ums Leben gekommen sind”. Dies stelle, so die Aktivist*innen, eine Relativierung  des Tods von tausenden BIPoC (Black, Indigenous, People of Color/Anm. d. Verf.) Menschen dar.

Widerstand gegen das Denkmal war oft kurzfristig erfolgreich – langfristige und tiefgreifende Veränderungen sind bisher nicht geschehen. So hatte die SPD im Jahr 2010 bewirkt, dass ein Hinweisschild in die Nähe des Denkmals mit dem Titel “Den  Opfern  zum  Gedenken  –  den  Lebenden  zur  Mahnung!” gestellt wurde. Ob das jedoch im Schatten des monumentalen Kolosses wirklich ausreichend ist, scheint zumindest fraglich.

Train-Denkmal nicht frei von Widerspruch

Eine weitere Aktion künstlerischer Art hat die Künstlerin Lara Favaretto im Rahmen der Skulptur-Projekte 2017 gemacht. Unter dem Titel “Momentary Monument – The Stone” wurde ein Granit-Konstrukt auf das Train-Denkmal gesetzt. In der Installation war ein Schlitz für Geld, was dann an die Hilfe für Menschen in Abschiebehaft gespendet werden sollte.

Der Grund, wieso die Aktivist*innen nun das Denkmal beschädigt haben, ist neben den Anti-Rassimus-Protesten noch ein weiterer: Ende Juni dieses Jahres hat der Rat der Stadt Münster beschlossen, das Denkmal nicht zu entfernen, sondern Aufklärungsarbeit zu leisten. Das gehe der Initiative nicht weit genug – so dass sie nun zur Tat geschritten sei.


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  1. Auch Trittbrettfahrer*innen können zu spät kommen, wenn sie den Zug verpassen. Die Teer-Aktion kommt reichlich spät. Bereits in den 90er Jahren (!) wurde die in dem Artikel erwähnte Hinweistafel mit folgendem Text aufgestellt:

    „Traindenkmal
    Den Opfern zur Erinnerung – den Lebenden zur Mahnung
    Diese Großstele wurde am 4. Juli 1925 vom Traditionsverein der ehemaligen Train-Abteilung Nr. 7 zum Gedenken an ihre gefallenen Kameraden errichtet. 1928 wurden zusätzlich zwei Gedenktafeln neben dem Kriegerdenkmal angebracht. Sie erinnern an drei gefallene Kameraden, die in den deutschen Kolonialkriegen in China und Deutsch-Südwestafrika gefallen sind.

    Wir gedenken auch der zehntausenden Toten der unterdrückten Völker. Im heutigen Namibia wurden viele Hererofamilien in die Wüste gezwungen, wo sie elend zu Grunde gingen.

    Von der Heldenverehrung zum Opfergedenken“

    Dann gab es die Auseinandersetzung mit dem Denkmal und der Kolonialzeit durch die Skulptur von Lara Favretto. Leider gehörte zu ihrem Kunstwerk Momentanous Monument das Konzept, dass es am Ende der Skulpturausstellung 2017 zerstört werden musste. Sonst hätte Münster ein Gegen-Denkmal gehabt, ähnlich wie Hamburg die Hrdlicka-Skulptur als Gegendenkmal zum 76er Kriegerdenlmal in Hamburg gemacht hatte.

    In seiner letzten Sitzung hat der Rat beschlossen, die Mahntafel des Arbeitskreises Afrika AKAFRIK an dem Denkmal aufzustellen. Diese Steintafel zeigte die Inschrift: „Wir gedenken der Opfer des Völkermords unter deutscher Kolonialherrschaft in Namibia.“ Damit kommt eine lange Diskussion endlich zu einem vorläufigen Abschluss. Denn 1984 war der Versuch, diese Tafel anläßlich der 100jährigen Wiederkehr des Völkermords an Herero und Nama aufzustellen, noch gescheitert.

    Außerdem hat der Rat beschlossen, dass Konzepte entwickelt werden sollen, wie Traingenkmal, Steintafel und Hinweisschild genutzt werden können, um zu einer kritischen Diskussion über die Kolonialzeit zu kommen. Auch finanzielle Mittel wurden für diese Konzepte bereitgestellt. Die Möglichkeit eines Gegendenkmals sollte ebenfalls weiter verfolgt werden. (Was freilich nur Sinn macht, wenn das Train-Denkmal nicht abgerissen wird)

    Man kann offene Türen nicht nur einrennen. Man kann, wie die Teeraktion gezeigt hat, offene Türen auch mit Teer beschmieren. Der Sache dient man damit nicht.

  2. Sehr geehrter Herr Schröder,

    Am 24.6 sollte es einen Beschluss zur Denkmalskultur geben.
    Nach meinen Informationen ist die Vorlage, m.E. nicht hinreichend,
    nicht beschlossen worden, sondern an die BV zur Beratung weitergeleitet worden.

    Interessant wäre auch, wie die Parteien mit OBKandidaten im Rat zur Sache stehen.

    Die Sache ist sogar wichtiger als der kurze Bericht erscheinen lässt.
    Ein Antrag aus der Feder des Stadtarchivs ohne zu sagen, dass MS eine Friedensstadt werden will. Na ja.
    Und wer kennt schon das verschwundene Friedensdenkmal an der Promenade, wo dieBlumen blühen und es dort in Blumensprache steht, dass Münster nicht grau, vielmehr bunt ist.

    Mit freundlichen Grüssen
    Dieter Kinkelbur
    MS 8715389

    0151/61245266

  3. Die nächsten Skulpturprojekte sind 2027. Bis dahin sollte man doch ein angemessenes permanentes Konzept für die Umwidmung dieses Afronts gegen den guten Geschmack finden. Ich wäre dafür, das Denkmal auf den Kopf zu stellen und die Namen der Täter mit den Namen von Herero und Nama oder auch den Opfern des NSU zu überdecken.

  4. Sehr geehrter Hr. Kinkelbur, die Beschlussvorlage des Stadtarchivs basiert auf den Ergebnissen der intensiven Diskussionen, an denen Sie selbst teilgenommen haben. Ihre Informationen zur Beratungs- und Beschlussfolge sind nicht richtig: Nach Beratungen in verschiedenen Ausschüssen und der Bezirksvertretung Mitte hat der Rat mit großer Mehrheit beschlossen, das zukünftig an Kriegerdenkmälern an der Promenade kritisch-einordnende Tafeln aufgestellt sowie Bildungsangebote bereitgestellt werden und das Traindenkmal gestalterisch als Ort des Diskurses besonders sichtbar gemacht werden soll. Wie die Parteien mit OB-Kandidaten zu diesem Beschluss stehen, lesen Sie an deren Abstimmungsverhalten ab. Am Ende bildete das Handlungskonzept einen Kompromiss, der von fast allen Parteien mitentwickelt und mitgetragen wird. Nach einer Erprobungsphase soll dieses Informationssystem auf alle Kriegerdenkmäler in der Stadt ausgeweitet werden. Auf den vollständigen Text des Ratsbeschlusses verweist der Artikel von Philipp Schröder. Bewusst soll die Diskussion über Kriegerdenkmäler auch genutzt werden, um über das alte und ein neues Friedensdenkmal in Münster nachzudenken.
    Die gemeinsam erarbeiteten Handlungsempfehlungen des Runden Tischs haben wir online dokumentiert: https://www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale/diskussion-2019/runder-tisch.html – Hier war auch im Nachgang zu den Sitzungen die Möglichkeit der Kommentierung gegeben.

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