Klartext

Subjektive Sicherheitsgefühlsduselei

LKW-Sperre am Prinzipalmarkt: Sieht nach Sicherheit aus.

Derzeit ist sehr häufig von diesem subjektiven Sicherheitsgefühl die Rede. Viele (Münsteraner) Politiker machen sich augenscheinlich große Sorgen, wie es damit bei ihren Wählern bestellt sein könnte. Im Zweifel also schlecht. Warum das wiederum schlecht ist. Eine Glosse.

In der vorigen Woche landete ein Brief der SPD – Sie wissen schon, die verzwergte Ex-Volkspartei – im virtuellen Postfach. Ratsherr Marius Herwig wollte über Gefühle sprechen. Und über Sicherheit. Genauer gesagt: das subjektive Sicherheitsgefühl der Münsteraner. Die nämlich wünschten sich “im öffentlichen Raum mehr Ordnungskräfte der Stadtverwaltung, die nicht nur sichtbar, sondern auch ansprechbar sind.” Deswegen sollen flugs nochmal sechs neue Stellen beim Kommunalen Ordnungsdienst der Stadt geschaffen werden.

Das Ziel: Die darbenden Sozialdemokraten Sozen wollen “damit das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung stärken”. Dass hier Bedarf bestehe, zeigt keine Statistik oder gar eine empirische Erhebung, sondern “zahlreiche Rückmeldungen aus der Bürgerschaft”. Das n von Bürgerschaft ist leider unbekannt, auch zur Repräsentativität der Stichprobe sind keine Aussagen möglich.

Aber was quälen wir uns mit Fakten, wo Gefühle oder gar gefühlte Wahrheiten in Münster neuerdings auf dem Vormarsch scheinen? Nein, so einfach dürfen wir es uns nicht machen:”Die Wurzeln von kriminalitätsbezogenen Unsicherheitsgefühlen liegen meist nicht in der objektiven Sicherheitslage begründet”, heißt es beispielsweise in einem Online-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema “Objektive und subjektive Sicherheit in Deutschland”. Weiter: “Insbesondere bei der allgemeinen persönlichen Furcht, Opfer von Kriminalität zu werden, äußern ältere Menschen sich verstärkt ängstlich.” Wer stellt nochmal die größte Wählergruppe?

Kriminalität sinkt, Sicherheit steigt

CDU-Law-and-Order-Mann Stefan Leschniok, bei dem der Ruf nach mehr Ordnungskräften serienmäßig mitgeliefert scheint, bringt es immerhin auf den Punkt. Er erklärte im letzten Sommer den Ruf nach mehr Ordnungskräften folgend: “zur Beruhigung”. Vorher hatte der Vertreter der Polizei auf einer CDU-Veranstaltung zum Thema Sicherheit deutlich gemacht, dass die Kriminalität sinkt.

Und damit wären wir wieder beim subjektiven Sicherheitsgefühl.Was ist darunter bitte zu verstehen? Auf einer längeren Zugreise zu wissen, dass die Bordtoilette funktioniert? Sprach-Gourmets jedenfalls bekommen bei dem Begriff immer Zuckungen. Ist ein Gefühl nicht per se subjektiv? Im “Wörterbuch zur Inneren Sicherheit” steht geschrieben:

“Der Begriff ‘Subjektives Sicherheitsgefühl’ bezeichnet die Einschätzung des Einzelnen seiner Sicherheit oder — aus umgekehrtem Blickwinkel — der Gefahr, dass seine Rechtsgüter beeinträchtigt werden. Zumeist wird als Hauptursache der befürchteten Rechtsgüterbeeinträchtigung eine zunehmende Kriminalität angenommen, weshalb das subjektive Sicherheitsgefühl im Wesentlichen mit dem kriminologischen Begriff der Kriminalitätsfurcht gleichgesetzt wird.”

Ich habe Angst! Wovor eigentlich?

Den Unterschied zwischen Wahrheit und Voruteil verdeutlicht auch die Umfrage der Polizei in der No-Go-Area rund um den Bahnhof. Hier ist die Lage auf einmal gar nicht so krass, wie es sich manch einer erhofft. Eine Erhebung der “Münsterschen Zeitung”aus dem Frühjahr hatte in eine ähnliche Richtung gedeutet. Interessantes Detail, das die Autoren herausstellten: Menschen, die sich weniger im Bahnhofsumfeld aufhielten, seien besorgter als jene, die den Ort regelmäßig frequentierten. In Ostdeutschland, Sie wissen es vielleicht, wählen besonders viele die Partei, die am meisten gegen Ausländer hetzt – dort, wo es die wenigsten Ausländer gibt. Ein Erasmus-Jahr könnte da eher helfen als mehr Polizei.

Der Bahnhof und sein Umfeld sind aber kein Einzelfall. Die Weihnachtsmärkte werden derzeit wieder vor dem nächsten Anis Amri geschützt. Die Kleintransporter stehen abfahrbereit mit laufendem Motor an ausgewählten Punkten in der Innenstadt. Oder doch lieber die Bombe im Rucksack? Funktioniert nicht auf dem Send. Da werden Taschen kontrolliert und Erinnerungen an den letzten Israel-Urlaub geweckt.

Sicher, man darf die Befürchtungen der Menschen nicht einfach ignorieren. Nur brauchen wir nicht eher Schulsozialarbeiter als Ordnungskräfte, die “zur Beruhigung” eingestellt werden, und LKW-Sperren, die jeder 40Tonner mit etwas Anlauf beiseite räumt? ur was interessiert schon die Ratio, wenn es um große Gefühle geht? Und Angst ist so ein großes Gefühl, das von der Politik befriedigt werden will. Mit Maßnahmen, die im Zweifelsfall nicht funktionieren. Für Menschen, die sich vor etwas fürchten, das nicht existiert.


Vergiss’ Facebook! Wir informieren Dich mit unserem Nachrichtendienst immer, wenn ein neuer Artikel online geht. Hier abonnieren:

Unser Newsletter enthält Informationen zu unseren journalistischen Produkten. Hinweise zum Datenschutz, Widerruf, Protokollierung sowie der von der Einwilligung umfassten Erfolgsmessung, erhaltet ihr in unserer Datenschutzerklärung.

  1. “Menschen, die sich weniger im Bahnhofsumfeld aufhielten, seien besorgter als jene, die den Ort regelmäßig frequentierten.”

    Gibt es in der Umfrage irgend einen Hinweis auf die Richtung der Kausalität? Es kann sein, dass “besorgte” Menschen den Bahnhof weniger frequentieren.

  2. guten Tag wiedertäufer .
    Schreiben Sue doch mal was über die Roma , die am lenkering Gebäude am hafen leben. Ohne Strom und Wasser In einem Container. Tagsüber müssen die in die Stadt um zu betteln .

    Mit freundlichen Grüßen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.