Klartext

Parklandschaft Münster: Wie die Wahlsieger die City verändern wollen

Ein ganz normaler Samstagmittag auf der Königsstraße in Münster: Sie sehen das Ende der Warteschlange für die Einfahrt in das Parkhaus hinter der Kurve.

Ein ganz normaler Samstagmittag auf der Königsstraße in Münster: Sie sehen das Ende der Warteschlange für die Einfahrt in das Parkhaus hinter der Kurve.

Die autofreie Innenstadt war das Thema im abgelaufenen Kommunalwahlkampf. Eine neue Ratsmehrheit könnte es nun endlich angehen. Doch wie soll das alles umwelt- und sozialverträglich laufen? Unser Gastautor Rüdiger Sagel meldet Zweifel an.

Was für eine Qual, was für ein Krach und Dreck! Nicht nur jeden Samstag, sondern auch wochentags steht eine schier endlose Autokarawane in ihren stinkenden Blechkisten vor den wenigen City-Parkhäusern und -plätzen – sehr zum Ärger der in der Sonne sitzenden Innenstadt-Café-Besucher*innen sowie der Anwohner*innen. Sogar auf dem Domplatz – selbst an Markttagen – zeigen sich SUV-Fahrer oder Poser ungehindert. In den zentrumsnahen Stadtteilen ist jede Nische zugeparkt und dies nicht nur zum Ärger der Anwohnenden, die ohnehin schon jeden Tag um die raren Parkplätze kämpfen.

Doch wie will man diese konsumfreudigen Besucher*innen aus der City herausbekommen, ohne dass die Geschäfte darunter leiden? Ist “autofrei” die neue Leitkultur oder wird sie zur Leidkultur?

Die “autofreie Innenstadt” war in diesem Jahr das Wahlkampfthema Nummer 1. Nun wollen die Wahlsieger Münsters Parklandschaft ernsthaft begrünen. Doch wie soll das gehen, ohne dass die City zu einer langweiligen Ruhezone wird, wie jetzt schon in Corona-Zeiten? Münsters Einzelhändler leiden unter dem sich immer rasanter entwickelnden Interneteinkauf.

Und wenn die Innenstadt für den Kofferraumeinkauf gesperrt wird, liegen dann nicht autofreundliche Stadtrand-Ansiedlungen zum Einkauf viel näher? Wenn man ohnehin den Autoverkehr eigentlich überhaupt nicht will, warum setzen sich dann bestimmte Parteien dafür ein, E-Autos mit tausenden von Euros zu subventionieren? Und wer wird aus Münsters Umland noch in die City kommen, wenn der Kofferraumeinkauf nicht mehr möglich ist, sondern größere Einkäufe besser und bequemer über Internetbestellungen läuft?

Auto- oder Klimahauptstadt?

Tatsächlich ist Münster heute eine Autohauptstadt, die an überwiegend privaten Kraftfahrzeugen (Kfz) schlicht zu ersticken droht. Den einstigen Titel der Klimahauptstadt hat Münster längst verloren. Feinstaub-, Stickoxid- und Ozonwerte sind in der City sehr hoch und überschreiten vor allem im Sommer Grenzwerte. Von 2008 bis 2018 wuchs die Bevölkerung um knapp 15 Prozent (plus 40.444 Einwohner*innen auf insgesamt 314.319) – die Anzahl der Kraftfahrzeuge stieg im selben Zeitraum um 16 Prozent von 142.931 auf 165.643. So verfügen 53,4 Prozent der Einwohner*innen über ein eigenes Kfz.

Hinzu kommen der tägliche Autoverkehr in die Stadt von rund 102.000 Fahrten pro Werktag und 43.000 Fahrten aus der Stadt hinaus. Die Verkehrsanalyse in Münster hat zwar ergeben, dass fast 40 Prozent der täglichen Wege innerhalb der Stadt mit dem Rad zurückgelegt wird, jedoch die mit dem eigenen Kfz zurückgelegten Ein-und Auspendlerfahrten mit 80 Prozent weit mehr ins Gewicht fallen.

Der Autor: Rüdiger Sagel ist ein politisches Urgestein in Münster. Lange Jahre saß er erst für die Grünen, dann für die Linkspartei zunächst im Landtag, zuletzt im Stadtrat. Seine aktive politische Karriere hat er mit Ablauf der Legislaturperiode beendet.
Der Autor: Rüdiger Sagel ist ein politisches Urgestein in Münster. Lange Jahre saß er erst für die Grünen, dann für die Linkspartei zunächst im Landtag, zuletzt im Stadtrat. Seine aktive politische Karriere hat er mit Ablauf der Legislaturperiode beendet.

Ein durchdachtes, in sich geschlossenes und überzeugendes City-Verkehrskonzept ist wünschenswert, derzeit aber nicht einmal im Ansatz erkennbar. Wie soll die – versprochene autofreie – City bis 2025 aussehen und zukünftig erreichbar sein, der Verkehr neu geregelt werden? Bisher gibt es nur auf einigen wenigen Innenstadt-Straßenabschnitten Tempo-30-Zonen und dieses Stückwerk setzt sich schon bei der Umwandlung in Fahrradstraßen, zum Ärger der zahlreichen Anwohnenden, fort.

Straßenkampf oder Widerstand?

Der Kampf ums Parken der Blechkiste ist nicht nur für viele Berufstätige eine täglich quälende Zeitfrage. Doch macht die Stellungnahme einer zukünftigen Ratsfrau der Grünen wirklich Hoffnung auf eine gute Entwicklung? Sie will den “Straßenraum neu verteilen”, mokiert sich aber über die Quartiersbewohnenden, “dass sich selbst bei nur fünf Autostellplätzen, die wegfallen, offenbar enormer Widerstand bei Autofahrern regt”.

Um dann noch gleich zu belehren, dass “der Wunsch nach einem kostenfreien Autostellplatz am Straßenrand verständlich” sei, aber “einen Anspruch darauf … gibt es nicht”. Stößt dieser Verkündigungsstil – ohne Alternativen oder zumindest nicht nur für Besserverdienende finanziell akzeptable Angebote – nicht berechtigterweise auf bürgerlichen Widerstand, insbesondere bei Menschen, die auf ihr Auto angewiesen sind?

Natürlich ist die Situation des Autoverkehrs in Münster zunehmend unerträglich und schreit nach Veränderung. Doch wie soll “autofrei” und der Umstieg konkret aussehen? Wo sollen jetzt die zahlreichen und in Zukunft vermehrten E-Autos hin? Das einzige, finanziell für die meisten unattraktive Angebot macht zurzeit Münsters oberster Parkhauswächter, der grüne Ex-Oberbürgermeister-Kandidat Peter Todeskino als städtischer Geschäftsführer. Er bietet für 110 Euro im Monat, also 1320 Euro im Jahr, in mehr oder auch weniger fußläufiger Entfernung einen ganztägigen Autostellplatz in den Parkhäusern an. Oder möchten uns die Grünen damit nur sagen, dass die eigene Blechkiste am besten sofort verschrottet werden soll?

Doch wenn nicht nur bei den Grünen die Devise vorherrscht “Erstmal einfach machen, um zu sehen, was sich an der Realität verändern lässt”, …

…dann gute Nacht Münster!


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