Münster

Häusliche Gewalt: Die Gefahr, in den eigenen vier Wänden zu bleiben

Häusliche Gewalt: Mit diesem Handzeichen der Canadian Women’s Foundation können Opfer auch in Videocalls auf sich aufmerksam machen.

Häusliche Gewalt: Mit diesem Handzeichen der Canadian Women’s Foundation können Opfer auch in Videocalls auf sich aufmerksam machen.

Häusliche Gewalt nimmt in Zeiten des Corona-Lockdowns zu. Opfer sind vor allem Frauen. Unter der ständigen Kontrolle des Partners ist es für viele Betroffene schwierig, Hilfe zu organisieren. Und die Schutzangebote sind teilweise lückenhaft, wie aus einer Recherche von CORRECTIV.Lokal und den Wiedertäufern hervorgeht. Auch das autonome Frauenhaus in Münster kann aktuell keine Frauen mehr aufnehmen. 

Eine traurige Statistik durchzieht alle sozialen Schichten: Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ist in Deutschland jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Bei jeder vierten Frau ist der Täter ihr aktueller oder früherer Partner.

Hinzu kommt, dass in Notfällen und schwierigen Lebenssituationen wie Pandemien die Gewalt gegen Frauen zunimmt. Das berichtet die WHO. Auch das Regionalbüro für Europa rechnet mit einem starken Anstieg der Fälle in Europa während der Ausgangssperren und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. In solchen Situation benötigen die Betroffenen Anlaufstellen und Hilfsangebote. Die gibt es auch, nur sie reichen offenbar nicht aus. 


Diese Recherche ist Teil einer Kooperation der Wiedertäufer mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org


Mehr als 14.000 Plätze fehlen 

Das Recherchezentrum CORRECTIV.Lokal hat erstmals die Belegungsraten deutscher Frauenhäuser erfasst und ausgewertet. Die Daten zeigen, wie grobmaschig das Versorgungsnetz ist. Und das, obwohl sich Deutschland bereits 2018 mit der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt verpflichtet hat.

Ein Frauenhausplatz soll auf 7500 Einwohner*innen kommen, so die Übereinkunft. Doch die Realität liegt noch immer hinter den Vorgaben. Mehr als 14.000 Plätze fehlen bundesweit in Frauenhäusern, teilt der Verband Frauenhauskoordinierung (FHK) mit. In NRW kommen auf 7500 Einwohner*innen nur 0,52 Plätze. Im Vergleich dazu ist Münster recht gut aufgestellt: Etwa 1,14 Plätze kommen bei uns auf 7500 Einwohner*innen.

Auch für Kinder fehlen diese Plätze. Der Verein Frauenhauskoordinierung hat rund die Hälfte aller Frauenhäuser in Deutschland befragt. Im Jahr 2019 kamen auf 7.045 Frauen 8.134 Kinder. Demnach liegt das Verhältnis Kinder pro Woche bei 1,16. Auch die Finanzierung der Plätze ist problematisch. In einer Dokumentation zur Finanzlage der Frauenhäuser im August 2020 bezeichnen die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags die Finanzierung von Frauenhäusern als “Flickenteppich”. Bundeseinheitliche Regelungen gibt es nicht. Daher kämpfen die Verbände Frauenhauskoordinierung und ZIF seit Jahren für eine bundesweit einheitliche Finanzierung von Frauenhäusern.

Anstieg erst nach den Lockerungen

Die Frauenhäuser in Nordrhein-Westfalen waren und sind über Monate ausgebucht: Dabei kommt es tendenziell erst nach den Lockerungen von Lockdown-Maßnahmen zu vermehrten Anfragen. Der Grund: Während des Lockdowns konnten die Frauen nur schwer mit ihren Kindern die Wohnung unbeobachtet verlassen. Dies hat eine exklusive Umfrage unter mehr als 90 Mitarbeiter:innen ergeben. 

Bestätigen kann das auch Ursula Saatz vom autonomen Frauenhaus Münster. Sie rechnet mit einem “Ansturm” nach dem Lockdown. Die Phase der Trennung sei für die Frauen die gefährlichste. Es komme zu Femiziden und schwersten Verletzungen. “Die meisten Frauen suchen sich deshalb eine Situation, in der sie gefahrlos gehen können”, erklärt Saatz. Hinzu kommt, dass häusliche Gewalt oft an Schulen und Kitas auffällt, wo Frauen dann entsprechende Beratungsangebote vermittelt werden. Aber auch das fällt momentan weg. 

Einhaltung von Corona-Schutzauflagen kaum möglich

Auch logistisch stellt Corona die Frauenhäuser vor besondere Herausforderungen. Denn: Auch Infizierte fliehen vor Gewalt und müssen untergebracht werden. Dieser Situation versuchen die Frauenhäuser gerecht zu werden. Und das oft mit den gleichen personellen und finanziellen Mitteln. Das autonome Frauenhaus in Münster hat zu diesem Zweck eine kleine Ferienwohnung angemietet. Dort können sich Corona-Infizierte in Quarantäne begeben. Schnelltests werden auf eigene Kosten finanziert.

Und trotzdem: Zweimal gab es bereits einen Coronafall im autonomen Frauenhaus, denn eine räumliche Trennung ist kaum möglich. Sechzehn Personen teilen sich dort eine Küche und zwei kleine Bäder. Um alle Corona-Schutzauflagen umzusetzen, hätte das Frauenhaus nicht einmal die Hälfte der Frauen aufnehmen dürfen, gibt Saatz zu Bedenken. Immerhin: Im Sommer zieht die Einrichtung um. Auch ein barrierearmes Apartment soll es dann geben.

Finanzierungsmodelle bringen Unterschiede mit sich

Während das Frauenhaus in Telgte vom Land finanziert wird, befindet sich das autonome Frauenhaus in Münster mit seinen 16 Plätzen in kommunaler Trägerschaft. Damit einher gehen auch unterschiedliche Bestimmungen: So verfolgt die Stadt ein einzelfallfinanziertes Modell, das über das Arbeitslosengeld II abgerechnet wird. Eine Versorgung von Studentinnen gestaltet sich demnach schwierig, da sie sich nicht arbeitslos melden können.

“Wir bemühen uns seit Jahren um die Aufnahme in die Landesfinanzierung”, so Saatz. Eigenanteile an der Finanzierung sind für die Diplompädagogin auch Hemmschwellen. “Das darf nicht auf den Rücken der von Gewalt betroffenen Menschen ausgetragen werden.” Als Quelle für geeignete Finanzierungsmodelle verweist sie auf ein Positionspapier des ZIF.

Auch wenn die Plätze knapp sind: Die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser helfen Betroffenen in jedem Fall weiter. Gemeinsam wird nach möglichen Alternativen Ausschau gehalten. Nach freien Plätzen in anderen Frauenhäusern (von denen es in Münster zwei weitere in katholischer Trägerschaft mit jeweils 16 Plätzen gibt), nach weiteren Unterstützungsmöglichkeiten, nach privaten Anhaltspunkten.  

Strukturelle Benachteiligung als Ursache von Gewalt

Saatz blickt auf dreißig Jahre Berufserfahrung zurück. Je patriarchaler die Strukturen der Gesellschaft, desto häufiger komme es zu Gewalt, so die Beobachtung der 61-Jährigen. Für Saatz kommen da viele Faktoren zusammen. Zum Beispiel eine Unterrepräsentation von Frauen in der Politik (wir berichteten). Auch die Vergütung von Care-Arbeit spielt für sie eine Rolle. Denn die wird meist von Frauen erledigt und bleibt unbezahlt, wie Barbara Vorsamer in diesem Kommentar darlegt. “Indem solche Themen nicht angegangen werden, halten wir bestehende Machtgefälle aufrecht”, so Saatz. 

Während sie bei Frauen aus patriarchalen, fundamentalistischen Gesellschaftsstrukturen beträchtliche Entwicklungsschritte beobachtet, ist es bei Akademikerinnen mit deutschem Pass genau andersherum: Erfahrene Gewalt wird verschwiegen und ausgehalten. Viele hätten das Gefühl, versagt zu haben. Auch diese Tendenz sieht Saatz in der Gesellschaft begründet: Noch immer würde Frauen ein größeres Verantwortungsgefühl für das Gelingen einer Beziehung beigebracht. “Ich habe alles versucht, damit er nicht mehr sauer wird”, hört sie dann von Betroffenen.

Nicht nur Frauen

Laut der aktuellen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes sind 81 Prozent der Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt und immerhin auch 19 Prozent der Männer. In beiden Fällen gehen Expert:innen von einer Dunkelziffer von etwa 80 Prozent aus. Die Scham über die erfahrene Gewalt ist allerdings bei Männern oft noch höher und damit auch die Hürde, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

Das bundesweite Beratungsangebot “Gewalt gegen Frauen” ist kostenlos und rund um die Uhr unter der Rufnummer 08000 / 11 60 16 erreichbar. Die Hilfestelle für Männer, die von häuslicher und sexualisierter Gewalt bedroht sind, ist unter der Rufnummer 0800 / 12 39 900 erreichbar. Bei den Beratungsstellen sind auch Dolmetscher:innen tätig und helfen bei etwaigen Sprachbarrieren.

Schutzangebote für Männer in Form von Räumlichkeiten gibt es nur in wenigen Bundesländern und ein Angebot für nicht-binäre Personen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, gibt es bisher nur in Berlin. Eine genaue Aufschlüsselung nach Bundesländern gibt es in dieser Tabelle.

Man darf allerdings nicht außer Acht lassen, dass viele Männer ebenfalls von Männergewalt betroffen sind, gibt Saatz zu Bedenken. Gefährliche körperliche Gewalt von Frauen gegen Männer gebe es nur äußerst selten.


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