Klartext

Geisterstadt Münster: Kein Konzept nach Corona

Prinzipalmarkt: Auf die Innenstadt von Münster kommen schwere Zeiten zu.

Prinzipalmarkt: Auf die Innenstadt von Münster kommen schwere Zeiten zu. (Foto: Archiv)

Zukunft findet jetzt statt! Doch Münster ist -nicht nur coronabedingt- im Tiefschlaf. Es gibt keine erkennbare Initiative, wie es in diesem Jahr konkret nach Corona weitergeht. Verwaltungsspitze und Politik lassen die Stadt dümpeln. Dabei braucht es jetzt nutzbare Konzepte und müssen jetzt hilfreiche Maßnahmen vorgestellt werden, wie die Stadt insgesamt und insbesondere die City aus der Krise kommt, meint unser Kolumnist Rüdiger Sagel.

Was sind die Initiativen, was passiert wann, was wird mit welchen Mitteln 2021 umgesetzt? Dazu braucht es mehr als eine “Initiative starke Innenstadt” oder einen Diskussionszirkel “Münster Zukünfte 20/30/50”, die sich immer wieder mal oder langfristig Gedanken machen. Wo ist aktuell die gemeinsame Initiative für die allernächste Zukunft der Stadt?

Im Corona-Jahr 2020 hat der Einzelhandel in den Innenstädten massiv gelitten. Der Handelsverband Deutschland (HDE) schätzt die Umsatzeinbußen der Händler auf 36 Milliarden Euro. Die Aussichten für 2021 sind trübe und die 23,6 Millionen Euro, die vom Land NRW für die Stärkung der Innenstädte in Westfalen bewilligt wurden, bleiben ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Streit statt neuer Wege

Hinter den Kulissen laufen in Münster die Koalitionsverhandlungen. Aufgrund des Streits insbesondere um das Preußenstadion und die autofreie Innenstadt ist es mehr als unsicher, ob die mögliche Koalition zwischen Grünen, SPD und VOLT überhaupt zustande kommt.
Doch sind das Münsters wirkliche Probleme? Innerstädtischer Einzelhandel, Gastronomie, Theater, Museen und Kinos, Konzerte, Büchereien und Öffentlicher Nahverkehr, die gesamte Stadtentwicklung – nichts ist mehr, wie es war und muss grundlegend und plötzlich neu gedacht werden. Es gilt, Routinen zu ändern, Alltag und Arbeit neu zu definieren, neue Wege in und für die Zukunft zu finden. Doch wo wird jetzt gesteuert, um die Stadt und ihre City aus der Krise zu bringen?

Münster in der aktuellen Situation ist eine Geisterstadt, doch vielen brennt es unter den Nägeln: Wie kann ich finanziell überleben und wie können wir die Zukunft unserer Stadt und Innenstadt jetzt sichern und gestalten?

Der Shutdown des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens zeigt, was wirklich “systemrelevant” ist. Ganz lokal in der Stadt werden die gravierenden Konsequenzen aus der Krise plastisch und konkret. Jetzt geht es darum aufzuzeigen, wie wir in der Lage sind, aus der Krise herauszukommen und wie die Zukunft der Stadt und ihrer City nach der Krise aussieht.

Der Autor: Rüdiger Sagel ist ein politisches Urgestein in Münster. Lange Jahre saß er erst für die Grünen, dann für die Linkspartei zunächst im Landtag, zuletzt im Stadtrat. Seine aktive politische Karriere hat er mit Ablauf der Legislaturperiode beendet.
Der Autor: Rüdiger Sagel ist ein politisches Urgestein in Münster. Lange Jahre saß er erst für die Grünen, dann für die Linkspartei zunächst im Landtag, zuletzt im Stadtrat. Seine aktive politische Karriere hat er mit Ablauf der Legislaturperiode beendet.

Ganz wesentlich bleibt aber: Wenn die Grünen die City autofrei machen und die Autos der Anwohner*innen in teure Parkhäuser stecken wollen, müssen sie auch ein umsetzbares Konzept haben. Denn wie soll denn zukünftig die City der Einkaufsstadt Münster erreicht, die Bürger*innen mitgenommen werden und Münster keine Geisterstadt bleiben? Wie sieht die Verkehrswende und das Verkehskonzept der Zukunft konkret aus und wie wird es finanziert?

Der Ansatz, “neue Wege” zu gehen, ist zwar durchaus richtig und auch die Aussage vom Grünen Mitte-Bezirksbürgermeister Stephan Nonhoff, dass man “bislang in Münster immer geglaubt” hat, dass “unsere attraktive Altstadt von den desaströsen Entwicklungen insbesondere im stationären Einzelhandel weitgehend oder noch lange verschont bleiben würde“, hat sich von ihm zutreffend beschrieben, als Irrglaube herausgestellt. Statt bei zunehmend wegfallenden Einkaufsflächen aber nur über eine kulturelle und damit auch nur wieder langfristige Nachnutzung nachzudenken, wie Nonhoff es anregt, gilt es auch jetzt schon zu handeln.

Mietsenkung für mehr Vielfalt

Jenseits der Zukunftsmusik könnte z.B. die Politik mit dem Verein der Kaufmannschaft jetzt konkret auf die Vermieter*innen in der City einwirken und sie zu Mietsenkungen bewegen, die an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst sind. Denn die Mieten in der Innenstadt sind zu hoch und Leerstände jetzt und in Zukunft werden zunehmend Realität. In den Innenstädten haben sich wegen der hohen Kunden-Frequenzen immer mehr nur leistungsfähige Ketten angesiedelt, die in der Lage waren, die hohen Mieten zu zahlen.

Das hat dazu geführt, dass auch in Münsters City die Vielfalt immer mehr verloren ging. Wenn aber die hohen Frequenzen nun wegfallen, muss es zu einer Korrektur der Mieten kommen:

Im Bereich der Büronutzung gibt es fundamentale Veränderungen u.a. durch das Homeoffice. Büroflächen werden künftig sicher weniger genutzt und das heißt, es sind weniger Menschen in der Innenstadt, die Einkaufen, Mittagessen, Kaffee trinken. Wenn die Mieten sinken, dann haben Geschäftsmodelle eine Chance, die noch nicht so stark sind wie die großen Ketten – zum Beispiel Fusionskonzepte zwischen Gastronomie, Kunst, Verkauf und Büro. Die urbane Qualität würde sich durch mehr Vielfalt so zudem und wieder verbessern.

Das alles könnte dann auch Politik und Verwaltung grundsätzlich auf andere Gedanken bringen. Denn die “Post-Corona-Stadt” muss ab jetzt nicht nur sozialer, sondern auch vielfältiger, öffentlicher, agiler sowie ökologischer und damit letztlich krisenfester sein. Und das kann nicht warten!


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Ein Kommentar

  1. Musik in der Geisterstadt wäre eine gute Idee! Einzelauftritte aller Art, Konzerte, Strassentheater zu festen Zeiten ist doch alles coronatauglich! Wo sind die Trommelgruppen? Wo isrdr Klavierspieler?

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