Stadtgeschichte(n)

Ein Jahr Fridays For Future in Münster: Einiges erreicht, aber noch sehr viel zu tun

25.000 Menschen standen am 20. September auf dem Prinzipalmarkt (Foto: Fridays For Future Münster)

Größte Demonstration der jüngeren Stadtgeschichte: Ca. 25.000 Menschen haben am 20. September auf dem Prinzipalmarkt demonstriert. (Foto: Fridays For Future Münster)

Auf den Tag genau vor einem Jahr fing alles an: Seit der ersten Mahnwache von Fridays For Future auf dem Prinzipalmarkt hat sich einiges getan. Woche für Woche mahnen die Aktivist*innen ein Umdenken beim Klimaschutz an und verändern damit den Diskurs. Nun müssen Taten folgen.

Es  ist der 28. Dezember 2018. 14 Menschen stehen in der Kälte vor dem Rathaus, ausgestattet mit Transparenten und Bannern. Ein Mann brüllt die Demonstrierenden mit “Ihr seid doch alle manipuliert an”, doch diese bleiben gelassen. Ein junges Mädchen aus Schweden hat sie zu ihrer Aktion angeregt, die ein Jahr später zu einer globalen Massenbewegung angewachsen sein wird.

Die von Greta Thunberg inspirierten Klimaprotestanten fordern eine andere, eine engagiertere Klimapolitik, die mit dem Pariser Klimaschutzabkommen vereinbar ist. Hätte man ihnen gesagt, dass dieser 28. Dezember der Grundstein sein wird für eine Bewegung, die das gesellschaftliche Klima in Münster prägt wie nie zuvor, die die Richtung zeigt für die Politik der nächsten Dekade, vermutlich hätten sie vor Schreck ihr Schild fallen lassen.

Dieser 28. Dezember war der Auftakt für eine Reihe von Aktionen und Demonstrationen, die den Diskurs in der Stadt verändert haben. Nun gilt es, den Worten Taten folgen zu lassen. Aber der Reihe nach.

Demonstrierende stehen mit Plakaten vor dem Rathaus
Erste Mahnwache von Fridays For Future Münster Ende Dezember (Foto: zerowaste_muenster auf Instagram)

18. Januar 2019: Erste Großdemo

Bei Minusgraden strömen Menschen auf den Prinzipalmarkt, 1.000 werden es trotz des eisigen Wetters. Die Veranstaltung muss temporär auf den Domplatz verlegt werden – der Ansturm ist einfach zu groß. “Das hat einfach niemand erwartet, dass drei Wochen nach der ersten Mahnwache so viele Menschen gemeinsam für Klimaschutz streiken”, sagt Sophia Kegel, heute aktives Mitglied im Orgateam von Fridays For Future Münster. Protestschilder wie “Damit ich auch weiter frier’, wenn ich im Winter protestier’!” sind Symbol für den Auftakt zu einer kreativen und modernen Form des Protests, für die Fridays For Future steht.

22. Mai 2019: Klimanotstand

Vor dem Rathaus sammelt sich an diesem Mittwoch eine Menschenmenge, um ihrem ersten politischen Erfolg beizuwohnen: Die Stadt Münster will – auf Druck von Fridays For Future – den Klimanotstand erklären und somit ihre Politik maßgeblich an der Klimafrage ausrichten. Am Ende ist das Ergebnis überwältigend: Nahezu alle Ratsmitglieder stimmen für die Ausrufung des Klimanotstands. Jubel bricht aus im sonst so ruhigen Ratssaal – schon jetzt hat Fridays For Future den politischen Rahmen der Stadt geprägt, wie sich zwei Tage später beim Klimastreik mit 7.000 Teilnehmenden und am darauffolgenden Sonntag bei der Europawahl zeigen wird.

16. August 2019: Verabschiedung der lokalen Forderungen

An diesem Freitag findet die allwöchentliche Mahnwache aufgrund des Stadtfestes nicht vor dem Rathaus, sondern am LWL-Museum statt. Nichtsdestotrotz geht es politisch zur Sache: Die über Monate in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen ausgearbeiteten Forderungen stehen zur Abstimmung, basisdemokratisch legitimiert durch alle Teilnehmenden.

Als die Bewegung ihre Ziele eine Woche später in einer Pressekonferenz öffentlich macht, kündigt sich ein neues Kapitel in der Lokalgeschichte von FFF an: Es wird nicht nur demonstriert, sondern konkrete Politik gemacht, wie es selten zuvor eine Bürger*innenbewegung geschafft hat.

20. September 2019: Größte Demonstration der jüngeren Stadtgeschichte

Es ist ein weiterer Freitag – naheliegend bei dem Namen der Bewegung – der Lokal-, Bundes- und Weltgeschichte schreiben soll: der 20. September. Auch an diesem Tag beginnt und endet die Münsteraner FFF-Demonstration auf dem Prinzipalmarkt, der wie ein Boulevard hergerichtet ist, und der sich stetig mit Menschen füllt, die sich schließlich zum Aegidiimarkt stauen.

25.000 Teilnehmende bedeuten die größte Demonstration der jüngeren Stadtgeschichte. Als solche ist sie Teil des größten Klimaprotests, den die Welt je gesehen hat. 1,4 Millionen Demonstrierende in Deutschland, 4 Millionen weltweit, über 2 Millionen weitere eine Woche später.

Nichtsdestotrotz verabschiedet die Bundesregierung an diesem historischen Freitag ein Klimapaket, dass lokale Aktivist*innen mit den Worten “Das war nicht mal eine Postkarte” zusammenfassen. In Münster jedoch geht die politische Arbeit weiter, es geht um die Frage, ob die Stadt bis 2030 klimaneutral wird und mehr für den Klimaschutz tut, wie über 70 Prozent der Bevölkerung .

29. November 2019: Münster kann mehr!?

Am 29. November fand nach knapp einem Jahr die nunmehr zehnte FFF-Großdemo in Münster statt, die als Teil der Kampagne “Münster kann mehr” stand. In dieser Kampagne haben die Aktivist*innen Gespräche mit Ratsmitgliedern geführt und 7.200 Unterschriften gesammelt, die den Fraktionsvorsitzenden übergeben wurden.

Der Grund: Am 11. Dezember wurde der Haushalt für die Stadt Münster verabschiedet, des weiteren war das Thema “Klimaneutralität bis 2030” auf der Tagesordnung. Für die Bewegung ein Anlass, nochmal Druck auszuüben.

11. Dezember 2019: Münster kann mehr!

In Anwesenheit von ca. 200 Menschen werden die Unterschriften vor dem Ratssaal an Lewe an die Fraktionsvorsitzenden übergeben. (Foto: Andreas Peichl)
In Anwesenheit von ca. 200 Menschen werden die Unterschriften vor dem Ratssaal an Oberbürgermeister Markus Lewe und an die Fraktionsvorsitzenden übergeben. (Foto: Andreas Peichl)

Um 21:30 Uhr wird der Tagesordnungs-Punkt “Handlungsprogramm Klimaschutz 2030 für Münster” aufgerufen. Bei noch vielen Zuschauer*innen hat sich der Rat dazu bekannt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Bei den konkreten Maßnahmen war noch Uneinigkeit zu erkennen.

“Beim Klimanotstand waren wir uns noch alle einig; wenn es um die konkrete Umsetzung geht, ist keine eindeutige Einigung mehr erkennbar”, mahnt der fraktionslose Abgeordnete Rüdiger Sagel während der Debatte an. Ratsfrau Möllemann-Appelhoff entgegnete, dass auch die FDP nicht für den Klimanotstand gestimmt habe.

Sowohl beim Klimanotstand als auch bei der Klimaneutralität bis 2030 kamen die Gegenstimmen nämlich von FDP und AfD.

Ein Jahr Fridays For Future: War’s das?

Die Bewegung gibt sich zufrieden mit dem Beschluss, merkt aber auch an, dass längst nicht alles erreicht ist. “Wir fordern, dass Worten auch Taten folgen und unsere inhaltlichen Ziele umgesetzt werden. Die verkehrs- und energiepolitische Wende muss uns gelingen, und dafür müssen von der Stadt die nötigen finanziellen Mittel und politischen Konzepte bereitgestellt werden”, heißt es in einer Pressemitteilung.

Nach einem Jahr Fridays For Future – sowohl in Münster als auch in Deutschland – hat sich viel getan. Während in Münster der Rat den Klimanotstand ausgerufen und sich dem Ziel Klimaneutralität bis 2030 bekannt hat, versucht die Bundesregierung den Anwesenden bei der Klimakonferenz in Madrid ihr Klimapaket schmackhaft zu machen.

Wie es in Münster aussehen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht: Noch nie hat sich der Rat der Stadt Münster so intensiv mit Klimaschutz beschäftigt, wie er es auf Druck der Fridays-For-Future-Bewegung getan hat. Und auch die Initiative kündigte an, weiter auf die Straße zu gehen “um Klimaneutralität kommunal, auf Bundesebene und weltweit einzufordern.”

Disclaimer: Der Autor ist Teil der Fridays-For-Future-Bewegung.

 


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