Stadtgeschichte(n)

Der Lazarettbunker und das Geheimnis der kyrillischen Schriftzeichen

Der Lazarettbunker am Rande des Kreuzviertels.

Erst war er Schutzraum, dann Gefängnis, seit Jahren nun steht das Denkmal leer: Der Lazarettbunker ist eine Besonderheit unter den noch verbliebenen Bunkeranlagen in Münster. Ein bislang ungelöstes Rätsel geben die Graffiti osteuropäischer Gefangener aus der Nachkriegszeit auf.

Er erinnert an ein mittelalterliches Festungsbauwerk, dabei ist er mit seinen 80 Jahren vergleichsweise jung. Der Lazarettbunker am Rande des Kreuzviertels, direkt an der Promenade, schlummert einen Dornröschenschlaf – und das bereits seit einiger Zeit. 1993 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, seit 2000 befindet es sich im Besitz der Stadt. Die aber, hieß es auf Anfrage, weiß noch nicht, was sie damit machen soll.

Wer den dreigeschossigen Hochbunker betritt, wird in eine andere Welt katapultiert. Was von außen wie eine Festung mit Brücke und Graben wirkt, ist ziemlich funktional aufgebaut. Der dreigeschossige Hochbunker wurde von 1940 bis 1941 nach den Plänen des Architekten Edmund Scharf an der nördlichen Spitze der am Neutor gelegenen ehemaligen Jüdefelder Schanze gebaut.

Nach den ersten Bombenangriffen der Alliierten hatte sich die Verwaltung eilig daran gemacht, Schutzeinrichtungen für die Zivilbevölkerung zu bauen. Das dreigeschossige Gebäude mit seinen 1,40 Meter starken Wänden hat 720 Quadratmeter Grundfläche und bietet Platz für 578 Menschen, die keinen eigenen Schutzraum hatten und deswegen bei Fliegeralarm hier unterkamen.

Als Festungsbau getarnt

“Großer Wert wurde beim Bau auf die äußere Erscheinung gelegt, die sich dem Kontext des Ortes anpassen sollte”, schreiben Stefan Rethfeld und Michael Fehlauer in ihrer Broschüre “Hochbunker in Münster”. “Man wählte die Form einer Bunkeranlage mit Wassergraben und ergänzte so die erhaltenen Festungsbauten Buddenturm und Zwinger.” Von oben sei der “Nachbau einer frühzeitlichen Wehrbefestigung” nicht als Luftschutzeinrichtung zu erkennen gewesen.

Die Besonderheit: Die Ausstattung im Inneren ist größtenteils erhalten – von Sicherungskästen über Sanitäranlagen bis hin zu Ventilationsmaschinen. Zugleich finden sich Hinweise auf die Zeit nach dem Krieg. Damals wurde der Lazarettbunker zeitweise als Kartenlager genutzt, auch ein Zahnarzt soll hier gebohrt und verfüllt haben.

"Kamerad, Genosse, Spion": Mysteriöses Graffito im Lazarettbunker.
“Kamerad, Genosse, Spion”: Mysteriöses Graffito im Lazarettbunker.

Das Gebäude wurde aber auch als Gefängnis genutzt – zunächst für eine kurze Zeit durch die Alliierten, später von der deutschen Polizei. So sind die ehemaligen Zellen mit Türspionen versehen, an anderer Stelle ist der Weg zum Vernehmungsraum gewiesen. Das Polizeigefängnis bot bis 1949 Platz für 85 Insassen, 28 Frauen und 57 Männer.

In den Zellen aber ist eine Besonderheit zu finden. Die Insassen haben Graffiti hinterlassen. Neben einigen in deutscher Sprache (“Kameraden, wir haben die Welt gesehen”) haben sich hier auch Gefangene aus Osteuropa verewigt. Letten, Umgarn, Polen, sogar eine mysteriöse kyrillische Inschrift: “Kamerad, Genosse, Spion”. Ein Schulprojekt des Schlaun-Gymnasiums hatte sich 2018 in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz dem Lazarettbunker gewidmet und die Inschriften übersetzt.

Ein vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte

Die eigentliche Frage ist: Was machen osteuropäische Gefangene in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in einem deutschen Polizeigefängnis? Die Antwort wirft ein Licht auf ein wenig beachtetes Kapitel der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte. Nach der Kapitulation Deutschlands mussten die Siegermächte die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter auf deutschem Boden versorgen und in ihre Heimat zurückführen.

Ende 1944 befanden sich acht Millionen von ihnen im Reichsgebiet, darunter zwei Millionen Kriegsgefangene und sechs Millionen “Zivilarbeiter”, im Regelfall Zwangsverschleppte. Unter ihnen befanden sich überwiegend Frauen und Kinder.

Gruppenfoto nach dem Abschluss der Verhandlungen: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin
Gruppenfoto nach dem Abschluss der Verhandlungen: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin

Bei der Konferenz von Jalta Anfang Februar 1945 sprachen die alliierten Staatschefs Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin nicht nur über die geplante Ordnung nach dem absehbaren Ende des Krieges in Europa. Sie einigten sich auch darauf, wie mit den auf deutschem Boden befindlichen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zu verfahren sei.

Sowjetbürger mussten demnach – bei Bedarf auch unter Zwang – repatriiert werden. Hier kam es mitunter zu heftigem Widerstand und sogar zu Suiziden. Doch die Briten und Amerikaner hielten Wort, denn andersherum sollten die Sowjets gefangene Soldaten der Westalliierten rücküberstellen. 157.000 Rotarmisten wurden nach ihrer Rückkehr hingerichtet.

Rotarmist im Lazarettbunker?

Aber wie kommt dann die kyrillische Inschrift an die Wand in der Gefängniszelle? Ein Sowjetbürger hätte dem Abkommen zufolge wieder zurück in der Heimat sein sollen. “Erst 1946 wurde im Zeichen des beginnenden Kalten Krieges die Zwangsrückführung der DPs aufgegeben – allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt kaum noch größere Gruppen sowjetischer DPs in den drei deutschen Westzonen”, schreibt Stefan Schröder in seinem Buch “Sanitary conditions unsatisfactory – Gesundheitsbedingungen unzulänglich – Befreite ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter (DPs) in Warendorfer Lagern 1945-1946”.

Als Sowjetbürger galten der Vereinbarung von Jalta zufolge nur Menschen, die vor dem 1. September 1939 ihren Wohnsitz auf sowjetischem Territorium hatten. Balten und polnische Ukrainer beispielsweise fielen nicht darunter – zumindest war das die Sichtweise von Briten und Amerikanern.

Während die Repatriierung von Franzosen, Belgiern und Niederländern zügig vollzogen wurde, geriet der Prozess in Richtung Osten nach den ersten Rückkehrwellen ins Stocken. “Nach den großen Repatriierungsleistungen des Jahres 1945 blieben vor allem polnische und baltische DPs in Westdeutschland zurück”, schreibt Schröder in “Displaced Persons im Landlkreis und in der Stadt Münster 1945 – 1951”.

Waren Ende Juli/Anfang August 1945 mindestens 21.000 Displaced Persons im Landkreis Münster erfasst, zählten die Statistiker im Oktober 1950 noch 3251. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in den vier Lagern in Münster 1548 Polen, 389 Ukrainer, 330 Letten, 172 Esten, 70 Litauer, 294 Yugoslawen – und 31 Sowjetbürger. Dieser “Hard Core”, wie sie genannt wurden, wollte trotz intensiver Bemühungen der Westalliierten lieber in der jungen Bundesrepublik bleiben als in die neuerdings kommunistische Heimat zurückkehren.

In Deutschland nicht willkommen

Das hatte mitunter handfeste Gründe. Kollaborateure mussten schwere Strafen fürchten. Die Perspektive auf eine neue Heimat in den USA, Großbritannien oder Kanada, die einige von ihnen im Rahmen von so genannten Resettlement-Programmen aufnahmen, erschien verheißungsvoller. Selbst das Lagerleben im Nachkriegsdeutschland sahen manche als die bessere Option – obwohl das Leben hier ebenfalls nicht leicht war. Außer Mahlzeiten und einem Dach über den Kopf hatte die neue Heimat nicht viel zu bieten. Die Displaced Persons mussten bei der Trümmerräumung helfen. Immerhin durften manche studieren.

Das Klima in Deutschland hingegen war kühl bis feindselig. Diverse Quellen beschreiben die Verachtung, mit denen viele Deutsche den Displaced Persons gegenüber standen. Der Direktor des UNRRA-Distrikts Nr. 2 (Großhessen, Main-Franken), Richard C. Raymond, beschrieb die Situation im April 1946 folgend: “Früher wurde der DP als ein Mensch angesehen, der das Unglück gehabt hatte, ein Sklave für die Nazis gewesen zu sein; aber heute wird er überall zunächst als Schwarzmarktler, Verbrecher oder Herumtreiber betrachtet, der nicht in seine Heimat zurückkehren will, sondern es vorzieht, sich in der bequemen Existenz einzurichten.”

Die UNRRA-Direktorin des Lagers Memmingen berichtete: “Immer und überall waren die DPs als solche völlig klar zu erkennen. Sie paßten sich äußerlich so wenig wie innerlich den Standards an, und der Abstand zum deutschen Erscheinungsbild schmolz nicht zusammen, sondern vergrößerte sich.” Sie berichtete zudem von polizeilicher Willkür.

Das Bild in der deutschen Öffentlichkeit war seinerzeit geprägt von der sogenannten Displaced Persons-Kriminalität. Wolfgang Jacobmeyer, beschreibt in seinem Buch “Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer: die Displaced Persons in Westdeutschland 1945 – 1951”: “Auf allen Sektoren von Kriminalität, wo eine prominente Beteiligung von DPs ermittelt wurde, waren Deutsche in das kriminelle Ablaufmuster mit einbezogen. Das gilt insbesondere für die Schwarzmarkt-Delikte, an denen die DPs überproportional hoch beteiligt waren – so hoch, daß Schwarzmarkt-Tätigkeit für ein Synonym der DP-Kriminalität galt.”

Der Schwarzmarkt florierte

Die ersten Jahre nach dem Krieg waren vor allem vom Mangel geprägt. Lebensmittel und Dinge des alltäglichen Bedarfs waren streng rationiert. Von daher wunderte es nicht, dass der Schwarzmarkt florierte.

Dass deutsche Mittäter für dessen Funktionieren notwendig waren, blendete die öffentliche Wahrnehmung in den drei Westzonen aus, schreibt Schröder weiter. Und: “Die Statistik der abgeurteilten Straftäter belegt, dass die DP-Kriminalität im Mittel gut 14,5% über der Kriminalität der deutschen Bevölkerung lag.”

Im Umgang mit den “heimatlosen Ausländern”, so der gängige Begriff, stellte Münster keine Ausnahme dar. Der Hauptausschuss der Stadt etwa sah in den Displaced Persons ein “Sicherheitsrisiko”. Stadtrat Heinrich Hemsath (SPD) sprach 1950 noch von “Menschen, die nicht zu uns passen”. Die “Münstersche Zeitung” berichtete am 14.05.1950 “Polen räuberten mitten in der Stadt”, während die “Westfälischen Nachrichten” am 21.07.1950 über “Bäckerfäuste gegen polnische Räuber” schrieben.

"Hier saß ein Litauer, weil er eine Uhr verkauft hat. 9.2.1949"
“Hier saß ein Litauer, weil er eine Uhr verkauft hat. 9.2.1949”

Über die Insassen des Polizeigefängnisses ist derweil kaum etwas bekannt. Auch das Landesarchiv hat keine Unterlagen hierzu vorliegen. Aber es gibt Hinweise: Am 24. Oktober 1949 berichteten die “WN”, dass das Polizeigefängnis im Lazarettbunker verkleinert und verlegt werden konnte, da nicht mehr alle Zeiten ausgelastet seien “wie zu Schwarzmarktzeiten”. Auch ein Graffito gibt einen Hinweis in diese Richtung: “Hier saß ein Litauer, weil er eine Uhr verkauft hat. 9.2.1949”

Es ist also gut möglich, dass ein kleinkrimineller Sowjetbürger die mysteriöse Inschrift im Lazarettbunker hinterließ. Aber dieses Geheimnis und die Antwort auf die Frage, was er uns mit “Kamerad, Genosse, Spion” sagen wollte, hat er mit hoher Wahrscheinlichkeit mit ins Grab genommen.


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