Stadtgeschichte(n)

Gekommen, um zu bleiben: Die Dauercamper vom Mittelhafen

Die Dauercamper vom Mittelhafen.

Gekommen, um zu bleiben: Camper am Mittelhafen.

Wohnmobile, ausgebaute Bullis, Bretterverschläge: Die Unterkünfte am Mittelhafen sind so verschieden wie die Menschen, die dort leben. Was für die einen eine hippe Übergangslösung darstellt, repräsentiert für andere den Tiefpunkt ihrer prekären Lebensumstände. 

Der Trend des Dauercamping ist dabei auch in Münster kein Novum. Orte wie der Mittelhafen oder der Landfahrerplatz in Nienberge boten bereits in der Vergangenheit immer wieder Anlass für Diskussionen. Während die Stadt nach umsetzbaren Alternativen sucht, sind die Beweggründe der Camper von Grund auf verschieden.

“Man lebt hier viel mehr mit den Jahreszeiten”

Seit sechs Wochen nennt Lena den Mittelhafen ihr Zuhause. Alleine ist sie selten, denn auch Freundin Maike liebt die frische Luft hier draußen und den gemeinsam ausgebauten Bulli. Namentlich genannt werden wollen beide nicht. “Wir wollen ja nicht die Aufmerksamkeit auf uns lenken”, meint Lena. Bis Januar oder Februar will die 23-Jährige hier bleiben. Den Bachelor für Psychologie hat sie bereits in der Tasche und im nächsten Jahr gesellt sich vielleicht noch eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin dazu.

Wenn Lena eine warme Dusche braucht, besucht sie Maike in ihrer WG und wenn diese wiederum raus aus ihren vier Wänden muss, besucht sie ihre Freundin am Mittelhafen. Lenas Post geht noch an die Eltern. “Man lebt hier viel mehr mit den Jahreszeiten, mit Wetter und Natur”, schwärmt sie. Ihre Ziele für den Winter: Eine Standheizung kaufen und Gitarre lernen. 

“Besser als Aida”

Für den Rentner Peter V. ist der Mittelhafen der perfekte Ort für einen Kurzurlaub. Peter hat Freunde eingeladen, vor seinem Wohnmobil steht ein Klapptisch, es gibt Grillwürstchen und Kartoffelsalat. “Das ist besser als Aida”, scherzt der 69-Jährige.

Sein Markenzeichen: Ein umgebauter Segelkatamaran, auf dem zwei Campingstühle und eine aufblasbare Palme montiert sind. Damit schippert er bei gutem Wetter über den Kanal.

Peter war eigentlich Feinmechaniker, doch seine Probleme mit den Vorgesetzten hätten dazu geführt, dass er LKW-Fahrer wurde. “Ich kannte die Autobahnen und Industriegebiete in ganz Europa”, erzählt er, “aber die schönen Gegenden habe ich nie gesehen.” Das hole er jetzt mit seinem Wohnmobil nach. Hier am Mittelhafen gibt es für den Tüftler keine Zwänge. “Man kann das machen, was Spaß macht”, erklärt er.

„Ich war gezwungen, ins Zelt zu ziehen.“

Frank Reinecker wohnt seit dem 1. Mai diesen Jahres am Mittelhafen. Durch Corona hat der damals Wohnungssuchende seine Nebenjobs in der Gastronomie verloren. Mit Spargelstechen und einem Minijob im Supermarkt konnte er sich zwar über Wasser halten, aber für eine Wohnung reichte das Geld nicht mehr.

“Ich war gezwungen ins Zelt zu ziehen”, gesteht der 40-Jährige. Im Sommer habe ihm das freie Leben noch gefallen. Er bearbeitete den Boden, legte Beete an, stand mit der Sonne auf und grillte abends mit Gleichgesinnten auf dem Platz. Seinen Minijob gab er wieder auf. Als die Witterung schlechter wurde, baute sich Frank schließlich einen Bretterverschlag um das Zelt. 

Obdachlosigkeit und Arbeit seien schwer zu vereinbaren, berichtet Frank. Und Hartz IV zu beantragen, sei ohne festen Wohnsitz und eigenes Bankkonto kaum möglich. Ein Sozialarbeiter habe ihm schließlich den Hinweis gegeben, dass man im Haus der Wohnungslosenhilfe unbürokratisch Arbeitslosengeld II beantragen könne. Für Frank der Startschuss in ein neues Leben. 

Von der Straße zurück ins Arbeitsleben

Einen Job als Barkeeper hat er bereits zugesagt bekommen, allerdings erst nach dem Lockdown. Zurzeit sucht Frank wieder eine Wohnung. Den Mittelhafen wird er wohl trotzdem vermissen. “Man hilft sich hier gegenseitig”, erzählt er. Auch von den Ämtern sei er positiv überrascht worden: Polizei, Umwelt- und Ordnungsamt wüssten über seine Situation Bescheid und hätten sogar seine Landschaftsverschönerungen befürwortet. 

Die Behörden tolerieren den Aufenthalt der Camper offenkundig und diese zeigen sich dankbar. Sobald das Thermometer steigt, räumen sie auf, was andere zurückgelassen haben: Scherben, Kippen und Tetrapacks. Im Frühling will sich Lena mit den anderen Campern zusammentun und gemeinsame Aufräumaktionen organisieren. Aber bis dahin will Frank wieder mit beiden Beinen fest im Leben stehen. 

Anmerkung: Aufgrund der sinkenden Temperaturen ist Frank seit einer Woche im HuK (Hilfevermittlung und Kurzzeitübernachtung) untergekommen. 


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Ein Kommentar

  1. Danke Peter V., wenn ich bei der Arbeit aus meinem Fenster auf den Hafen sehe und sie auf dem Katamaran mit der Palme und den Campingstühlen vorbei fahren muss ich jedes mal lächeln. Und da bin ich bei uns im Büro nicht der einzige.

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