Stadtgeschichte(n)

Das Geschäft im Pfandleihhaus läuft immer

Ist die gute Seele im Pfandleihhaus: Bettina Oer regiert mit strenger Hand und einer Schulter zum Anlehnen.

Ist die gute Seele im Pfandleihhaus an der Hafenstraße: Bettina Oer regiert mit strenger Hand und einer Schulter zum Anlehnen.

Für manche hat das Pfandleihhaus etwas anrüchiges, für andere ist es Teil des Alltags. Das Prinzip ist einfach: Wertgegenstände, Gold und Technik werden gegen Bargeld verpfändet. Keine Fragen, keine Schufa. Doch in Zeiten von Corona hat sich das Geschäft verändert.

Das Hinterzimmer ist Büro und Wohnküche zugleich. Unter dichten Rauchschwaden verbirgt sich ein Schreibtisch, auf dem eine Tasse Filterkaffee umgeben von Nagellack, Haftnotizzetteln und einer Schachtel John Player Special steht. Für Mitarbeiterin Bettina Oer, 60, ist das Pfandleihhaus an der Hafenstraße auch ein Zuhause. Seit 27 Jahren ist sie in dem Gewerbe tätig. Ihr Chihuahua-Mischling Kitty begleitet sie dabei auf Schritt und Tritt.

Flaute durch Corona

Als bankähnliches Gewerbe ist das Pfandleihhaus systemrelevant und war somit nicht dem Corona-Lockdown unterworfen. Dadurch veränderte sich das Geschäft – hier in Münster und im Rest der Republik. “Wofür hätten die Leute denn Geld ausgeben sollen?”, fragt Oer. Die Entwicklung war genau andersherum: Zwar wurde während des Lockdowns weniger verpfändet, aber dafür viel ausgelöst. “Die Leute hatten Angst um ihr Gold”, vermutet sie. Das Edelmetall stehe schließlich hoch im Kurs und habe zudem einen hohen ideellen Wert.

Den ganzen Tag habe das Telefon geklingelt, weil die Menschen wissen wollten, ob ihr Gold sicher sei. “Ich war kaputter, als wenn ich sonst 30 Kunden bedient hätte”, klagt sie, “nichts spannendes zu verleihen und den ganzen Tag nur Anrufe.” Oer braucht die Menschen und ihre Erlebnisse.

“Wer hier herkommt, ist nicht arm.”

Nach Aufhebung des Lockdowns hat das “klassische” Geschäft wieder angezogen. Hochkonjunktur sei jetzt. Mit steigenden Temperaturen, bräuchten die Leute Geld für Eisdielen, Restaurants und Freizeitparks.

Der eine gibt etwas ab, der andere löst etwas aus. Aber jeder lässt eine Geschichte da. Und Oer hat ein offenes Ohr. 90 Prozent ihrer Kundschaft seien Stammkunden, schätzt sie. Der Mann, der seinen Laptop 52 Mal verpfändet hat. Die Frau, die immer wieder ihren Schmuck versetzt, um die Sucht ihres Sohnes zu finanzieren. Junge Erwachsene, die im Sommer ihre Spielkonsole herbringen, um sie bei Regenwetter wieder auszulösen. 

Statt das Konto am Ende des Monats zu überziehen, gehen sie lieber ins Leihhaus und halten ein Pläuschchen. “Zu mir sind schon Zahnärzte und Rechtsanwälte gekommen, die entweder spielsüchtig waren oder über ihre Verhältnisse lebten”, erzählt sie und zündet sich eine Zigarette an.  Arm sei hier niemand. Vor ein paar Tagen habe ein Mann seine Uhr hergebracht, um sich eine Klimaanlage zu kaufen. 

Bei Kunden, die sie gut kennt, drückt sie auch mal ein Auge zu. “Ich kenn doch meine Pappenheimer”, sagt sie und lacht. Die Geschichten der Menschen gehen ihr nah. Wie die einer alten Frau, die eine aus Holz geschnitzte Madonnenstatue brachte. “Die haben wir nie verpfändet, weil die Frau so sympathisch war.”

Es gebe aber auch schwarze Schafe. Sie berichtet von einer Frau mit gestylten Haaren, Gelnägeln und Zigarette im Mundwinkel. Sie wollte für ihren Gegenstand mehr Geld haben, als er wert war und habe versucht Oer unter Druck zu setzen. “Mein Kind hat nichts zu essen”, soll sie geschrien haben. Da höre die Freundschaft auf, sagt Oer. “Wer Geld für Zigaretten hat, kann auch sein Kind ernähren.”

Die Zahl der Besucher im Pfandleihhaus steigt 

Ralf Littau und Matthias Oer sind die Geschäftsführer des Leihhauses, für dessen Eröffnung ein nicht geringes Startkapital notwendig war. Wieviel genau, dazu will man sich lieber nicht äußern. Als Pfandleiher brauche man außerdem solide Kenntnisse von Edelmetallen, Schmuck und Uhren. “Und eine gute Menschenkenntnis”, ergänzt Littau. Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht. 

In den letzten Jahren sei die Zahl derer, die ein Leihhaus aufsuchen müssen, kontinuierlich gestiegen. Littau sieht diesen Trend in Banken begründet, die immer höhere Sicherheiten für einen Kredit verlangen würden. “Wir dagegen sind schnell, unbürokratisch und fair”, versichert er. Es klingt wie ein Werbeslogan. Immerhin 90 Prozent seiner Kundschaft lösen ihren Pfand innerhalb der Frist von vier Monaten wieder aus. Neben der Pfandsumme wird eine Gebühr fällig.

Sein Klientel? Jedermann. Ob Arzt, Rechtsanwalt, Lehrer oder Freiberufler. Littau kramt in seinen Erinnerungen und holt einen bekannten Musiker und einen ehemaligen Fußballspieler der Nationalelf hervor. Beide wurden Stammkunden. “Mit einem armen Menschen kann ich keine Geschäfte machen, wissen Sie?”

“Mitleid braucht man nicht zu haben”, betont auch Oer und zündet sich zum Abschied eine weitere Zigarette an.


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