Klartext

Wer Bus fährt, hat keine Lobby

Vorfahrt für eine halbe Stunde. Der VCD und Unterstützer*innen errichteten am Freitag in der Nähe des Bahnhofs eine temporäre Busspur. (Foto: Sarah Geselbracht)

Vorfahrt für eine halbe Stunde. Der VCD und Unterstützer*innen errichteten am Freitag in der Nähe des Bahnhofs eine temporäre Busspur. (Foto: Sarah Geselbracht)

Es tut sich etwas in Münster. In der letzten Woche hat die neue Koalition aus Grünen, SPD und Volt erste verkehrspolitische Pflöcke eingerammt. Doch dabei wurden die ÖPNV-Nutzenden nicht ausreichend gewürdigt, kritisiert Werner Szybalski in seinem Gastbeitrag.    

Münster ist Fahrrad- und Autostadt. Individualverkehr wird in der Domstadt ganz groß geschrieben. Am vergangenen Freitag lud der Verkehrsclub Deutschland (VCD) Münsterland trotzdem oder gerade deshalb zur Demonstration für mehr Busspuren in Münster ein. Eine kurze halbe Stunde eroberten 52 Freund*innen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) einen kleinen temporären Freiraum für die Busse in unserer Stadt.

Zwischen Urbanstraße und Servatiiplatz wurde mit Hilfe der Polizei eine Autofahrspur durch die Demonstrant*innen besetzt. Die rechte Fahrspur blieb frei und gehörte eine halbe Stunde exklusiv den Bussen der Stadtwerke sowie deren Subunternehmen und des Regionalverkehrs Münsterland. Zumindest die vorbeifahrenden Busfahrer*innen freuten sich über die Aktion “Busspur” und applaudierten den Demonstrant*innen.

Die Förderung des ÖPNV ist auch in Münsters Verkehrswende-Community eine immer wieder gern aufgestellte Forderung. Warum erreicht dann eine gute Aktion des VCD nur gerade einmal knapp die Hälfte der angestrebten Teilnehmer*innen? Schließlich war die Hoffnung der Organisator­*innen, eine temporäre exklusive Busspur vom Hauptbahnhof bis zum Landeshaus am Freiherr-vom-Stein-Platz zu schaffen.

Wenn ich werktags mit einem Bus der Linie 15 oder 16 von der Haltestelle Germania-Campus bis zum Bült, immerhin werden acht Haltestellen auf dem Weg von Uppenberg durchs Kreuzviertel zur Innenstadt bedient, fast genauso lange brauche wie von der Haltestelle Bült bis zum nächsten fahrplanmäßigen Stopp an der Eisenbahnstraße, dann hat dies einen einfachen Grund: zu viele Autos verstopfen die Straßen in der Innenstadt.

Fragwürdiges Bus-Ranking

Da wird der Sinn von Busspuren (oder auch autofreien Straßen) zumindest den Busnutzer*innen sehr schnell deutlich. Doch warum sind die ÖPNV-Kund*innen am Freitag nicht an der Seite der überwiegend mit dem Fahrrad zum Bahnhof angereisten Busspurfreund*innen. Vielleicht, weil sie mit dem Busverkehr in Münster sehr zufrieden sind?

Diesen Eindruck könnte mensch zumindest bei der Zeitungslektüre gewinnen, denn am Freitag wurde veröffentlicht, dass die Busnutzer*innen in Münster dem Busverkehr und insbesondere den Busfahrer*innen ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Dies laut einer bundesweiten Umfrage des Instituts Kantar, bei der zwischen August und  Dezember 2020 auch 500 ÖPNV-Nutzer*innen in Münster interviewt worden waren.

Mit dem Satz “[d]ie ÖPNV-Kunden in Münster sind ganz offenbar zufrieden” beginnt der Artikel in den “Westfälischen Nachrichten”. Dabei wird allerdings verschwiegen, dass –  im bundesweiten Ranking – der ÖPNV in Münster auf dem absteigenden Ast ist. 2018 lag bei dieser Umfrage Münster laut Veröffentlichung der Stadtwerke bundesweit auf dem ersten Platz. 2019 rutschte der Busverkehr der Domstadt auf Rang vier ab. 2020 reicht es nur noch zu Platz fünf.


Der Autor: Werner Szybalski ist seit über 30 Jahren in Münster verkehrspolitisch engagiert. Unter anderem gründete er in der 80er Jahren den VCD Kreisverband Münster und initiierte 1991 die Gründung des Vereins Verkehrswende e.V., dem Gründungträger des Stadtteilautos. Der 59-jährige Jounalist und Politikwissenschaftler ist Sprecher der Münsterliste.
Der Autor: Werner Szybalski ist seit über 30 Jahren in Münster verkehrspolitisch engagiert. Unter anderem gründete er in der 80er Jahren den VCD Kreisverband Münster und initiierte 1991 die Gründung des Vereins Verkehrswende e.V., dem Gründungträger des Stadtteilautos. Der 59-jährige Jounalist und Politikwissenschaftler ist Sprecher der Münsterliste.

“So geht solidarisch!” lautete Mitte Juni 2020 das Motto der #Unteilbar-Demonstration, bei der die Veranstalter*innen eng mit Busfahrer*innen zusammenarbeiteten. Vor dem Hauptbahnhof konnte ein Busfahrer eines privaten Subunternehmens, das auch für die Stadtwerke Münster fährt, sich über die mangelhafte Bezahlung gegenüber den öffentlich beschäftigten Busfahrer*innen beklagen. Die  gut 100 Demonstrant*innen waren natürlich solidarisch mit den Arbeitskämpfen, doch Forderungen, die auch den Busnutzer*innen zu Gute kommen, waren nicht zu hören. Warum nimmt die Verkehrswende-Community die Bedürfnisse der ÖPNV-Nutzer*innen immer nur symbolisch ernst?

Auf dem ehemaligen Hörsterfriedhof wurde beim ersten Vorbereitungstreffen für den ParkingDay 2020 am 18. September auf der Wolbecker Straße kurz diskutiert, ob der Busverkehr, für nahezu alle Teilnehmer*innen, wie wiederholt beteuert wurde, ein unverzichtbarer Pfeiler der Verkehrswende in Münster, nicht auch während des ParkingDays weiterhin die Wolbecker Straße befahren könne. Ohne auch nur Gedanken an die Organisation eines solchen Vorhabens zu verschwenden, wurde nach wenigen Wortmeldungen auch der ÖPNV vom ParkingDay ausgesperrt. Daraufhin stellte ich der Gruppe die Frage, wer von ihnen den regelmäßig in Münster das Busangebot nutzen würde? Gerade mal zwei der rund 60 Arme gingen in die Höhe.

Seitdem leider schon vor Jahren die Ein-Mann-Nahverkehrsinitiative aus der Neubrückenstraße verstarb, ist es um die Lobby für den ÖPNV in Münster schlecht bestellt. Auch die bundesweite Fahrgast-Initiative “Pro Bahn” hat in der Domstadt keine Ortsgruppe. Immerhin griff der VCD mit seiner Busspur-Aktion am Freitag das Thema auf. Neben den Organisator*innen zeigten am Freitag – leider gegen den Willen einiger VCD-Aktivist*innen – auch drei Gruppierungen (Grüne, Münsterliste und ADFC) bei der Demonstration Flagge.

Die Ortsgruppe des FUSS e.V.  hatte zumindest ihre Mitglieder zur Teilnahme am Freitag aufgefordert, dabei aber zugleich viel Verständnis dafür gezeigt, wenn die Fußgänger­*innen zu der nahezu zeitgleichen Veranstaltung der “Initiative Verkehrswende der Zukunftswerkstatt Kreuzviertel” gehen würden. Die beklebte auf Gehwegen platzierte Mülltonnen mit Zetteln, damit – sehr unterstützenswert – Fußgänger*innen im Viertel ihre Wege ohne Mülltonnen als Hindernis nutzen können.

Bleiben wir im Kreuzviertel und damit bei ÖPNV-Experten. Der Vorsitzende einer Ortspartei der aktuellen Ratsmehrheit, ein hauptberuflicher Busfahrer, hatte sich darum beworben, als Sachkundiger Einwohner in den Verkehrsausschuss gewählt zu werden. Seine Fraktion sah die Qualifikation, er ist nicht im Stadtverkehr Münsters beschäftigt, wohl nicht als ausreichend an. Für die Förderung des ÖPNV in Münster ist diese Nichtberücksichtigung ein herber Dämpfer.

Schon in der ersten Sitzung des neuen Mobilitätsausschusses am vergangenen Donnerstag hätte seine Meinung vielleicht Entscheidendes bewirkt. Wie die Lokalpresse exklusiv ihren Abonnenten berichtet, versucht die Ratsmehrheit aus Grünen, SPD und Volt – am Donnerstag unterstützt von den Linken und der Ratsgruppe Der Partei und der konservativen Ökologen – den Rad- und Busverkehr gegen die unterlegenden Stimmen von CDU und FDP zu stärken.

Verbesserungen für den Busverkehr am Bült und vor dem Hauptbahnhof wurden auch beschlossen. Bei der Ermöglichung des fahrplanmäßigen Busverkehrs auf der Weseler Straße stadteinwärts hätte die nicht anwesende Autolobby “Landesbetrieb Straßen NRW” den überzeugten ÖPNV-Kämpfer gut als Gegenpart gebraucht, damit sich die Mehrheit noch deutlicher für den Busverkehr und gegen die Einflussnahme der Opposition und Autolobby durch ihre Landtagsmehrheit positioniert.

Die Lobby fehlt – aber warum gehen die Busnutzer*innen nicht auf die Straße?

Dies ist einem nahezu täglichem Busnutzer natürlich spätestens beim Blick durch den Bus klar. Zeit genug zur optischen Analyse habe ich in den Stammlinien 15 und 16, wenn den Fahrgästen im Bus rund um die Innenstadt und insbesondere stadteinwärts auf der Weseler Straße hinter den privilegierten Autofahrer*innen ihre Zeit gestohlen wird.

Neben den Schüler*innen und Student*innen, die auf öffentliche Kosten oder per Semesterticket erzwungen ihr Busticket in der Tasche haben, sitzen – außerhalb von Corona – einige Tourist*innen in und aus Münster (in der Regel auf dem Weg zum Zug) insbesondere Menschen mit Migrationsvorgeschichte und/oder ohne Zugriff auf ein eigenes Fahrzeug beziehungsweise mit individuellem Handicap in den Bussen. Vielen dieser Busnutzer*innen stehen schon im Alltag nur wenige Menschen und Institutionen zur Seite – Prekariat eben, wie diese Menschen heute im Soziologendeutsch genannt werden.

Klar, dass sie auch als Busnutzer*innen keine Lobby haben. Schön wäre es deshalb, nicht zuletzt aus sozialen Gründen, wenn sich endlich die wenigen Unterstützer*innen des ÖPNV in Münster zusammenschließen würden. Eine überparteiliche Nahverkehrsinitiative, die natürlich auch die Berufsvertretungen der Busfahrer*innen einschließen sollte, könnte vielleicht durch Aktionen und Ermutigungen auch dazu beitragen, dass sich die große Zahl der häufig von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzten Busnutzer*innen selbst ermächtigt und endlich ihre (ÖPNV-)Interessen öffentlich tat- und sprachgewaltig artikuliert.


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