Münster

Manko Migrationsvorgeschichte: Chancengleichheit häufig nur auf dem Papier

Kämpft für Chancengleichheit: Deler Saber

Etwa 40 Prozent der Grundschüler*innen in Münster haben eine Migrationsvorgeschichte, Tendenz: steigend. Doch zwischen ihren schulischen Leistungen und den Kindern mit deutschen Eltern klafft eine große Lücke. Auch die Bewertung der erbrachten Leistungen fällt – zum Nachteil der Kinder mit Migrationsvorgeschichte – unterschiedlich aus.

Von insgesamt rund 21.500 Schüler*innen wechselten im Jahr 2017 rund 15.700 ohne Zuwanderungsgeschichte an ein Gymnasium, gegenüber 2400 mit Zuwanderungsgeschichte. Während 54,9 Prozent der Einheimischen das Abitur erreichten, waren es auf Seiten der Schüler*innen mit Zuwanderungsgeschichte nur 12,8 Prozent. Keinen Abschluss hingegen erhielten nur 4,6 Prozent der Einheimischen und satte 20,9 Prozent der Schüler*innen mit Zuwanderungsgeschichte. 

Die Statistiken zeigen deutlich: Wer hier eine Migrationsvorgeschichte hat, ist benachteiligt. 

Dabei ist Bildung ein zentraler Aspekt, wenn es um eine aktive Teilnahme am Leben der Aufnahmegesellschaft geht. Auch Gefahren wie Arbeitslosigkeit, Armut, Straffälligkeit und Krankheit lassen sich durch die Realisierung gleicher Bildungschancen minimieren. Bildung für alle ist also vor allem eins: Eine Investition in die Zukunft. Warum scheitern wir an dieser Herausforderung?

Problem: Teilhabe

Die Gründe für die Chancenungleichheit sind vielfältig und reichen von fehlenden Sprachkenntnissen und Unterschieden in den Sozialisationsmilieus, über institutionelle Diskriminierung bis hin zu mangelnder Förderung.

Viele Eltern wissen beispielsweise nicht, dass die Empfehlung der Grundschullehrer*innen bezüglich der weiterführenden Schule nicht bindend ist. “Meine Tochter sollte ans Gymnasium, hatte aber nur eine Empfehlung für die Hauptschule”, erzählt Ali A., ein besorgter Vater aus Münster. Eine Aufklärung diesbezüglich hat nicht stattgefunden und erst der Gang zum Integrationsverein AFAQ brachte ihm Klarheit. Seine Tochter ist mittlerweile eine erfolgreiche Schülerin des Immanuel-Kant-Gymnasiums. 

Deler Saber, Mitglied des Integrationsrates sowie des Kultur- sowie Schulausschusses als sachkundiger Bürger, setzt sich seit zehn Jahren mit der Frage der Chancengleichheit im Bildungssystem auseinander. Er kritisiert die mangelhaften Unterstützungsangebote für Menschen mit Migrationsvorgeschichte. Wer informiert sein möchte, muss sich selbst kümmern. Trotz Sprachbarrieren. Hier müsse die Politik Verantwortung übernehmen. “Wir brauchen Integrationshelfer an unseren Schulen, die neu Hinzugezogene in ihrer Muttersprache beraten können”, fordert er.

Schlechtere Noten bei gleicher Leistung

Quantitative Studien bestätigen die Diskriminierung in der Grundschule und die Bundeszentrale für politische Bildung hält fest, dass “einheimische Kinder (…) bei gleichem sozioökonomischen Status und gleicher Leseleistung jeweils 1,7-mal häufiger eine Empfehlung für die Realschule und für das Gymnasium [erhalten] als Migrantenkinder, während diese unter denselben Voraussetzungen um das 1,6-fache häufiger sitzenbleiben.”

Belegt ist auch, “dass Migrantenkinder in der Grundschule bei gleichen Testleistungen etwas schlechtere Noten erhalten.” Diese Voreingenommenheit muss besonders den Lehrer*innen selbst transparent gemacht werden, um ungerechten Benotungen und Beurteilungen konsequent entgegenzuwirken.

Chancengleichheit durch gleichmäßigere Verteilung

Saber sieht den Schlüssel zur Chancengleichheit in einer gleichmäßigen Verteilung von Kindern mit Migrationsvorgeschichte an Kitas und Schulen. Nur so könne gewährleistet werden, dass die Kinder voneinander lernen. “Wie sollen wir in Zukunft zusammen leben, wenn unsere Kinder nicht zusammen aufwachsen?”, fragt er. 

Die Zuweisung von Schüler*innen an Schulen wird anhand des Schulwegs festgemacht. Zwar dürfen den Schüler*innen natürlich keine unzumutbaren Pendelstrecken auferlegt werden, aber eine gleichmäßige Verteilung könnte Priorität vor einem minimal kürzerem Weg haben. Für Saber liegen die Vorteile dafür auf der Hand: “Die Kinder üben sich frühzeitig in Toleranz, beugen Vorurteilen und Ängsten vor und lernen, mit unterschiedlichen Perspektiven umzugehen.”

Zuspitzung durch Corona

Drastisch hat sich auch das Coronavirus auf die Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund ausgewirkt. In Folge der Schulschließungen offenbarten sich die familiären Unterschiede und deren Auswirkungen auf die Leistung der Kinder deutlich. 

Bildungsferne Familien, Geringverdiener und Familien mit Migrationsvorgeschichte: Sie sind die großen Verlierer der Schulschließungen. Oft mangelte es an einem ruhigen Platz zum Lernen, am Zugang zu den erforderlichen Medien, an elterlicher Unterstützung. Viele neu Hinzugezogene sprechen zudem kein Deutsch und waren daher nicht in der Lage, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Nicht selten kam alles zusammen. 

Während die einen am Ball bleiben konnten, sind die anderen zurückgefallen. 

“Die Schere geht immer weiter auseinander und das wird langfristige Konsequenzen haben”, warnt Saber. Hier gehe es um Bewusstmachung und Lösungsfindung. “Wir müssen diesen Kindern Hilfen anbieten, um den Rückstand aufzuholen.” Die bereits erfolgten Empfehlungen zur weiterführenden Schule sieht er vor diesem Hintergrund noch problematischer.

Versäumnis mit gravierenden Folgen

Scheitern wir daran, Chancengleichheit zu ermöglichen und Bildungsgerechtigkeit zu schaffen, könnten die Folgen gravierend sein. Saber zeichnet eine bedenkliche Verkettung: “Wenn mehr Schüler*innen keinen Abschluss bekommen, werden mehr von ihnen in die Kriminalität abrutschen. Das wird den Staat sehr viel Geld kosten und ist nicht zuletzt auch eine Frage der Sicherheit.” Die Verantwortung dafür liege in unseren Händen. 

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung räumt ein, dass die schlechten Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund mit “unzureichender Förderung und Diskriminierungen in den Schulen zusammenhängen” und konstatiert:Bildungs- und Integrationspolitik stehen somit vor einer großen Herausforderung.”


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