Klartext

Abitur in Corona-Zeiten: Das laute Stöhnen

Symbolbild Abitur

Corona-Abitur? Die Lage der Abiturient*innen ist schwierig.

Die Corona-Inzidenz steigt, die Politik diskutiert, wie sie nun fortfahren soll. Die Zeit bis zu den Abiturprüfungen wird derweil immer knapper. Was ist das für ein Gefühl, das Abitur während der Corona-Krise abzulegen? Ein Erfahrungsbericht.

Während ich diesen Text verfasse, befinden wir uns in einer besorgniserregenden Ausprägung der Pandemie. Die deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz liegt bei ca. 101, in Münster bei 52. Es sind Osterferien, in etwa zwei Wochen stehen die ersten Abiturprüfungen an. Armin Laschet wird von Markus Lanz über sein schlechtes Pandemie-Management ausgefragt, Angela Merkel kritisiert den neuen CDU-Chef. Die Corona-Zahlen steigen exponentiell, immer mehr Menschen müssen auf die Intensivstationen. Vor allen Dingen sind es nun die Jüngeren, die sich mit dem Coronavirus und neuerdings dessen Mutanten infizieren.

Die Gedanken über steigende Corona-Zahlen, die dritte Welle und die nicht vorhandene Weitsicht der Politiker*innen kreisen in mir als Abiturient, der dieses Jahr sein Abitur absolvieren möchte. In kognitionsintensiven Osterferien und “Abitur-Lernzeit” nach den Osterferien werde ich mir nicht nur Gedanken über internationale Politik, soziale Ungleichheit oder den Literaturkanon machen können; sondern auch weiterhin über das Pandemiegeschehen. Ich komme nicht drumherum, auch weiterhin Kritik äußern zu müssen, dass auch und gerade in der Schulpolitik in Corona-Zeiten miserable Zustände herrschen.

Von Vertröstung und Verdrängung

Es ist interessant, wie die Politik derzeit versucht, Denkfaulheit zu kompensieren. Armin Laschet erntete berechtigterweise Spott, als er sagte, die Osterzeit “zum Nachdenken” nutzen zu wollen. Das Ergebnis ist bescheiden: Einen “Brücken-Lockdown” solle es geben. Über seine Idee wird energisch debattiert, fehlt es doch an konkreten Ideen, die sich hinter Laschets atemberaubendem Vorschlag verbergen sollen. Schulschließungen? Vermutlich kaum. NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat sich bis Donnerstagabend komplett rausgehalten, bis sie nun erneut Distanzunterricht für alle bis auf die Abschlussklassen erlassen hat.

Sicherlich ist es nicht einfach, die Gesundheitskrise zu managen. Zu schauen, welche Maßnahmen für den Gesundheitsschutz ergriffen werden können, die sich nicht fatal auf die Bildung auswirken. Nach über einem Jahr Pandemie kann man aber durchaus eins mitnehmen: Wenn man sich angestrengt hätte, hätte man einen großen Schaden abwenden können. Doch durch Vertröstung und Verdrängung, einer kurzsichtigen Politik im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit wurde verspielt, was man von vornherein machen könnte: Das Bildungssystem reformieren, um krisenresistenter zu sein.

Der Unterricht in der Pandemie schien genau das zu verdeutlichen: Als es vom Digitalunterricht zuletzt nochmal in den Präsenzunterricht ging, standen viele Lehrkräfte vor der nackten Realität, die auch wir Schüler*innen selbstverständlich zu spüren bekommen haben. Der Unterricht erlebte einen Backlash, denn das zukünftige Modell eines digitalen Unterrichts traf auf die Realität der dilettantischen Möglichkeiten in den Unterrichtsräumen.

Unerkannte Privilegien?

Letztendlich sorgt auch der Antagonismus von Distanz- und Präsenzunterricht dafür, dass Schüler*innen entweder von der ganzen Corona-Zeit profitiert haben, indem sie ihre Fähigkeiten leichter in den digitalen Formaten wie schriftlichen Aufgaben oder Videokonferenzen unter Beweis stellen konnten. Auf der anderen Seite herrscht aber das Gegenteil: Schüler*innen, die mit Präsenzunterricht besser klargekommen sind, standen viele Monate vor großen Schwierigkeiten. Letztendlich ist aber am Ende das Problem für beide Seiten vorhanden: Ein ständiges Hin-und-her des Präsenz- und Distanzunterrichts schaffte es nicht gerade, der volatilen Situation in den Schulen Standfestigkeit zu verleihen.

Wie oft habe ich mich am Esstisch darüber aufgeregt, dass es einfach nicht läuft, dass es besser laufen könnte, dass wir diese Pandemie schon längst hinter uns haben könnten. Ich war Verfechter des Schulschließens – trotz eigener Betroffenheit in einer solch schwierigen Lage. Und klar, das ist ein Privileg. In der Universitätsstadt Münster und als Schüler eines Gymnasiums ist es einfach, Schulschließungen zu fordern, während Schüler*innen anderer Schulformen absacken könnten und es auch tun. Deswegen muss man sich auch immer vor Augen führen, wen Maßnahmen wie Schulschließungen am meisten treffen könnten. Sich Zuhause in einem eigenen Zimmer an einen eigenen Laptop setzen zu können, ist ein Privileg.

Aber dafür kann man Lösungen finden, mit Betroffenen reden und ihnen helfen. Grundsätzlich scheint es aber so, als wäre Bildungsgerechtigkeit gar nicht das Ziel der derzeitigen Politik – zumindest kein direktes. Es ist auch für Bildungspolitiker*innen einfach, einen vielsagenden Begriff wie “Bildungsgerechtigkeit” mit Inhaltslosigkeit zu füllen, damit er niemanden um die Ohren gehauen werden kannkann, wenn gesetzte Ziele nicht eingehalten wurden.

Zurück zur Prä-Corona-Schule? Eine grauenhafte Vorstellung

Die Landesregierung unternimmt im gesamten Pandemieverlauf den Versuch, den Normalzustand des Bildungssystems vor der Pandemie wieder aufzubauen. Doch die Erschütterungen durch die Krise kann man nicht einfach beiseitelegen. Dass es allmählich voran geht mit der Digitalisierung des Schulbetriebs, ist sehr gut. Doch waren das alles Dinge, die aus der Spontanität und aus dem Zwang zur Lösungsfindung in dieser Lage überwiegend von den Lehrkräften unternommen werden mussten. Die Hilfslosigkeit der Entscheidungsträger*innen wurde mal wieder durch individuelle Lösungen kompensiert. Weil es anders nicht möglich war.

Das Bildungssystem ist fragil, es ist eingeknickt in der Krise. Dass es irgendwann dazu kommen musste, hat man aber auch schon vor Corona vorausgesagt. Die Tageslichtprojektoren schienen auch vor einem Jahr nicht mehr lange und digitale, innovative Unterrichtsformate gehen nicht mit Kreide und Tafelschwamm. Genau hier zeigt sich das Bildungssystem in seiner äußersten Fragilität. Dass es zu einem hoher Auslastung bei Videokonferenztools kommen wird, hätte man in der gesamten Zeit des Distanzlernen immer voraussagen können. Vertrauen in die öffentliche Bildungsinfrastruktur hat das nicht geschürt. Gerade nicht bei uns Abiturient*innen, bei denen es auch schon im Januar und Februar Richtung Endspurt ging.

Dass man den Lapsus des Distanzlernen-Neulands in der ersten Welle verzeihen kann, ist logisch. Am Anfang musste es etwas ruckeln, wenn man sich die starren Zustände der deutschen Klassenzimmer anschaut. Ein Jahr später jedoch scheint es, als wären wir immer noch nicht wirklich weiter. Es herrscht nicht nur bei den jetzigen Abiturient*innen Unsicherheit und aufkommende Planlosigkeit, wie es nun weitergehen kann. Im Hinblick auf die Abiturprüfungen stellt sich in aller Kurzfristigkeit überhaupt die Frage, ob die Prüfungen stattfinden können.

Die Sache mit den Prüfungen

Die Prüfungsfrage ist letztendlich aber auch eine Scheinfrage, die eine Ahnlungslosigkeit der Politik gegenüber den Anliegen der Schüler*innen offenbart. Alexander Lorz, hessischer Kultusminister, spricht etwa davon, dass das Wegfallen der Prüfung ” den Jugendlichen fürs Leben einen Malus mitgeben” würde. Wir Schüler*innen sollten stolz behaupten können, eine reguläre Abiturprüfung trotz der Pandemie abgelegt zu haben. Dass in zehn Jahren vermutlich kein Hahn mehr danach krähen wird, ob 2021 ein “Corona-Abi” war oder nicht, geschenkt.

Wir stehen mit der Prüfungsfrage genau da, wo wir letztes Jahr auch standen und müssen uns wohl ernsthaft fragen, ob unser Bildungssystem ein starres Konstrukt ist oder überhaupt die Möglichkeit hat, sich zu verbessern, angepasster zu sein. Die Gefühlslage der Schüler*innen scheint nach meinem Befinden eindeutig: Es herrscht immenser Druck, sich auf die Prüfungen vorzubereiten zu müssen – und dazu die Unbeständigkeit.

Letztendlich werden die Prüfungen aber vermutlich normal stattfinden. Und auch nach meinem Abitur gibt es einen nächsten Jahrgang, der vermutlich dasselbe Stöhnen aussenden wird und auch vor lauter Fragen stehen wird, die uns auch dieses Jahr schon beschäftigt haben. Wie sieht der Unterricht oder viel mehr das Pandemiegeschehen unter Jüngeren nach den Osterferien aus? Was ist mit dem Stoff, der im Distanzlernen anfang des Jahres möglicherweise zu kurz gekommen ist? Wie sehen die Abiturprüfungen 2022 aus? Auch sie werden vermutlich ein lautes “Uff” aussenden.


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