Redaktionsblog

Graswurzelrevolution: “Bild” und AfD hetzen gegen “Anarcho-Postille” aus Münster

Ungewohnte Aufmerksamkeit für die Monatszeitschrift Graswurzelrevolution.

Das in Münster produzierte Magazin Graswurzelrevolution erregt derzeit bundesweite Aufmerksamkeit – allerdings von einer Seite, die den Machern überhaupt nicht willkommen ist. In den Hauptrollen: AfD-Scharfmacher Björn Höcke und der Chef des Thüringer Verfassungschutzes.

Aber der Reihe nach: Im September hatte sich der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper in einem Artikel für die Graswurzelrevolution mit Björn Höcke und dessen im Juli erschienen Buch “Nie zweimal in denselben Fluss” auseinandergesetzt. Das Urteil des Autors: Die Lektüre bestätige den “Gesamteindruck einer faschistischen Agenda”.

So schreibt der Landeschef der Thüringer AfD, “existenzbedrohende Krisen erfordern außergewöhnliches Handeln. Die Verantwortung dafür tragen dann diejenigen, die die Notwendigkeit dieser Maßnahmen mit ihrer unsäglichen Politik herbeigeführt haben.” Schlagworte wie “Remigration” und der Kampf gegen das “Gendermainstreaming” dürfen in dem Werk natürlich nicht fehlen.

Die lesenswerte Rezeption Kempers fand auch an gänzlich unerwarteter Stelle Anklang: beim Verfassungsschutz des Landes Thüringen. Dessen Chef verkündete kürzlich bei der Vorstellung des Jahresberichts 2017, dass die Behörde eine Beobachtung der AfD prüfe. Hier nannte Stephan Kramer explizit Björn Höcke als einen der wesentlichen Gründe für diese Überlegungen.

“Bild” und AfD Seit’ an Seit’

Neben der der Beobachtung der Einzelperson könne aber auch die gesamte Partei ins Visier genommen werden. Dies sei wiederum dadurch möglich, dass sich die AfD nicht von Höckes Äußerungen distanziere und ein Schiedsgericht dessen Ausschluss abgelehnt hatte, argumentierte Kramer laut “Deutschlandfunk”.

Bei seinen Ausführungen zitierte der Chef-Schlapphut auch Kempers Artikel aus der Graswurzelrevolution – allerdings ohne Kenntlichmachung. Seither hyperventiliert das Netz am rechten Rand. “Bild” tituliert die Zeitschrift als “Anarcho-Postille”, die “für die Abschaffung UNSERES Staates” (sic) kämpfen würde. Die AfD selbst spricht auf Facebook von einem “linksextremen Hetzblatt”, bei dem sich Verfassungsschutzchef und SPD-Mitglied Kramer bedient habe.

Wenig überraschend quoll die braune Soße in der Kommentarspalte unter dem Post über. Kostproben ersparen wir unseren Lesern aus naheliegenden Gründen. Hämische Kommentare erreichen seither die Redaktion. Autor Kemper erhielt bereits einen unschönen Anruf eines Hitler-verehrenden Anonymus.

Verfassungschutz-Mann Kramer selbst lehnte Rücktrittsforderungen aus der AfD in der “Bild am Sonntag” zurück: “Es war ein Fehler, Herrn Kemper nicht zu erwähnen. Es war unprofessionell, ein bedauerliches Versehen.” Auf dem Sprechzettel für die Journalisten sei die Quelle angegeben gewesen.

Graswurzelrevolution fordert eine andere Gesellschaft

Und was ist dran an den Vorwürfen gegen die Graswurzelrevolution? Kempers Rezeption von Höckes Buch spricht für sich. Sicher, die Zeitschrift gibt Großgrundbesitzern keine Tipps für die Geldanlage. Auch der Verfassungschutz nannte sie zeitweise in seinen Jahresberichten. Der Begriff des Anarchismus werde von “Bild” bis “taz” häufig falsch verstanden, sagt Koordinationredakteur Bernd Drücke, treuen Lesern auch aus dem Freundeskreis Paul Wulf bekannt. “Die Graswurzelrevolution ist eine der einflussreichsten alternativen Zeitungen in Deutschland und kein ‘linksextremistisches Schmierblatt’ (Zitat Jörg Henke, innenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag/Anm. d. Autors).” Zahlreiche Akademiker schreiben für das Blatt, auch Konstantin Wecker ist unter den Autoren.

“Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen”, heißt es zum Selbstverständnis der seit 1972 erscheinenden Zeitung. Der Grundsatz ist klar: keine Diskriminierung, keine Gewalt. “Wir streben an, daß Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine föderalistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden.”

Jeder Mensch muss natürlich für sich entscheiden, ob sie oder er das unterschreiben kann. Besser als Höckes Fantasien von einer Diktatur mit Notstandsgesetzen klingt das allemal.


Vergiss’ Facebook! Wir informieren Dich mit unserem Nachrichtendienst immer, wenn ein neuer Artikel online geht. Hier abonnieren:

Unser Newsletter enthält Informationen zu unseren journalistischen Produkten. Hinweise zum Datenschutz, Widerruf, Protokollierung sowie der von der Einwilligung umfassten Erfolgsmessung, erhaltet ihr in unserer Datenschutzerklärung.

  1. Lieber Herr Dietrich,

    vielen Dank für diesen und viele weitere ihrer gut recherchierten Artikel und dafür, dass sie klar Postion beziehen.
    Viele Grüße

    Sonja Kästner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.