Münster

Werbung für Verschwörungstheoretiker: “nadann” veröffentlicht zweifelhafte Anzeige

In der Stadt nahezu überall präsent: Die kostenlose Wochenschau "nadann"

Die kostenlose Kleinanzeigen-Heftchen “nadann” liegt an vielen Stellen in Münster aus.

Wer eine Wohnung sucht oder einen Job, ist bei der “nadann” genau richtig. Seit Jahrzehnten ist das Heftchen in Münster eine Institution vor allem für Kleinanzeigen aller Art. Doch genau eine solche Anzeige wirft nun Fragen auf, die der Verleger nicht beantworten will.

Wer einen Blick in die aktuelle Ausgabe der “nadann” wirft, entdeckt bei den Kleinanzeigen eine Gruß, der auf den ersten Blick relativ unscheinbar wirkt. “Grüße an alle lieben Mitmenschen aus Münster”, schreibt eine anonyme Person dort. Das Merkwürdige: Mit diesem Gruß allein ist es nicht getan.

Zu der Anzeige findet sich online – ein entsprechender Verweis ist in der Print-Ausgabe zu sehen – ein Bild mit einem Text. In diesem führt ein unbekannter Autor aus, dass “die Maßnahmen der Regierung […] mehr Schaden [verursachen], als das Coronavirus es könnte”.

 

Die Kleinanzeige in der aktuellen Print-Ausgabe.

Verbreitung von Falschinformationen

Weiter heißt es im Text: “Die Massenmedien zeigen Ihnen nur eine Perspektive”. Man solle sich lieber auf Blogs wie “KenFM” von Ken Jebsen oder “Rubikon News” informieren, um “ein ganzheitliches Bild” zu erhalten. Genau diese Blogs werden allerdings nicht nur wegen ihrer Berichterstattung zur der Corona-Pandemie scharf kritisiert.

So sprach Ken Jebsen auf einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen, dass Deutschland sich in einer “Demokratie-Simulation” befinde. Des Weiteren würde Corona instrumentalisiert, um “den Staat noch mächtiger und den Bürger noch ohnmächtiger machen”. Auch zieht er Vergleiche zu den “Rassengesetzen” im Zweiten Weltkrieg, wie ein SWR3-Faktencheck analysiert hat. Aussagen zu der Finanzierung der Weltgesundheitsorganisation finden sich auf seinem Portal ebenfalls – sie erweisen sich allerdings als ebenso nicht korrekt.

Die “Süddeutsche Zeitung bewertete das ebenfalls beworbene “Rubikon News” als “Querfront-Magazin”. Hinzu kommt das Schweizer Portal “zeitpunkt.ch”, das in seiner Heimat einen zweifelhaften Ruf hat. “Das Coronavirus wird sich als nicht besonders gefährlich erweisen. Aber die Massnahmen dagegen werden drastische Folgen haben. Vermutlich verheerend – eine Art 11.September für die Menschheit”, zitiert die “Solothurner Zeitung” den Herausgeber.

Schwammige Reaktion

Solche Inhalte bei der altehrwürdigen “nadann”? Bereits vor unserer Anfrage hatten die Verantwortlichen die Anzeige offline gestellt – aber nicht des Inhalts wegen. Bei Twitter hatte die nach eigenem Bekunden “linksradikale” Gruppierung “Eklat” auf die Anzeige aufmerksam gemacht und die “nadann” als “Münsters Anzeigenschmierblatt” bezeichnet. Das wiederum bewegte “nadann”-Chef Arno Tilsner zu der Deaktivierung. “Um die Angelegenheit NICHT (sic) weiter hochzukochen, haben wir den Bezug der Beleidigung aus der Veröffentlichung genommen”, teilt er schriftlich mit.

Fest steht: Die Anzeige enthält keine justitiablen Inhalte und ist von der freien Meinungsäußerung gedeckt. Welche Anzeigen die Verantwortlichen bei der “nadann” annehmen und welche nicht, ist am Ende selbstverständlich ihre Sache.

Dennoch: Es stellt sich die Frage, wie die Anzeige in eine Publikation wie die “nadann” passt? Immerhin schreiben hier bekannte Gesichter wie der Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz, SPD-Oberbürgermeisterkandidat Michael Jung sowie Stefan Bergmann, einstiger Chefredakteur der “Münsterschen Zeitung”, Kolumnen. Eine Antwort auf diese Frage blieb Tilsner schuldig. Nur das: “Wird die freie Meinungsäußerung jetzt von einer Hand voll selbsternannter Sittenwächter überprüft […]?”

Nach unserer Anfrage wurde die Anzeige wieder freigeschaltet und ist ebenfalls mit dem dazugehörigen Bild online einsehbar.

Update 18.05.: Die Anzeige wurde nach Erscheinen der Geschichte wieder deaktiviert.


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