Stadtgeschichte(n)

Einst Lehrer, jetzt Corona-Rebell

Peter Balint ist einer der Organisatoren der Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen..

Für die Grundrechte, gegen die Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung. An den vergangenen Samstagen fanden auf dem Domplatz Demonstrationen statt, bei denen es nicht nur um Politik ging. Einer der Organisatoren ist mein alter Lehrer Peter Balint. Die Geschichte einer Begegnung unter anderen Umständen – nach mehr als 20 Jahren. 

Grau sind die Haare geworden, der Schritt hat nicht mehr ganz den Schwung vergangener Tage. Peter Balint hat sich äußerlich überraschend wenig verändert, fast wie ein Dorian Gray, dem man nach über 20 Jahren wieder gegenübersteht. Er war damals Lehrer am Freiher-vom-Stein-Gymnasium, das noch am Schlossplatz lag, der zu dieser Zeit noch einen anderen Namen trug.

Am vergangenen Samstag steht Herr Balint bei der Demonstration der Corona-Gegner auf der Bühne. Fast surreal wirkt die Situation, wie er interessiert lauscht, vereinzelt klatscht. “Ich stelle mir vor, dass neue Regeln nach einem demokratischen Vorgang aufgestellt werden”, kritisiert er die hastig eingeführten Corona-Schutzmaßnahmen auf allen staatlichen Ebenen. Seine Forderung: Aufhebung der Einschränkung der Grundrechte, Abschaffung der Maskenpflicht, Einsetzung eines Untersuchungsausschusses und Neuwahlen. Dann zitiert er noch seine Schwiegermutter, 97, die die gegenwärtige Situation schlimmer finde als den Zweiten Weltkrieg.

Zeitreise in Corona-Zeiten

Ich war ein Schüler des Mannes, der da auf der Bühne steht. Italienisch, Literatur, Philosophie, Balint umwehte immer der Hauch einer gewissen Omnipotenz. Einer, dem alles gelingt, was er anpackt. “Das können sie jetzt auch noch?!” entfuhr es mal einer entgeisterten Mitschülerin, als er eine Gruppe niederländischer Gastschüler in ihrer Heimatsprache begrüßte. Weltgewandt, musikalisch und dazu noch ein “korrekter Typ”, wie wir damals zu sagen pflegten. Einer, der auch mal unkonventionell war, über Masturbation in der Ehe sprach (“Da habe ich es in der Hand”) und deswegen von manchen im Kollegium kritisch beäugt wurde.

Über zwei Jahrzehnte sind seither vergangen. Und dann das, eine Beschwerdemail über unsere Berichterstattung zu den Corona-Protesten. Ein Echo aus der Vergangenheit, das Ungläubigkeit, ja Staunen hervorruft. Herr Balint bei den Corona-Rebellen in Münster? In herausgehobener Position?

In der überregionalen Berichterstattung war in den letzten Wochen zu lesen gewesen, dass bei den Demonstrationen nicht nur die viel bemühte Querfront aus Verschwörungstheoretikern, Rechten und Esoterikern anzutreffen ist. Nein, auch Erika Musterfrau, die sich um ihren Arbeitsplatz – sofern sie noch einen hat – sorgt, marschiere mit, um ihren Sorgen Ausdruck zu verleihen. Viele Erika Musterfrauen sind am Samstag nicht zu erkennen.

Bilderstrecke: Am 30. Mai demonstrierten rund 50 Menschen auf dem Domplatz gegen die Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung.
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Und was treibt Peter Balint? Am vergangenen Samstag ist er einer von mehreren Rednern auf dem Domplatz – aber der einzige, der sich wirklich auf das Thema Grundrechte fokussiert. Die Wortbeiträge werden musikalisch von der Antifa begleitet, die polizeiliche Begleitung soll die Ausübung des Grundrechts der Versammlungsfreiheit gewährleisten. Rund 50 Menschen demonstrieren. Unter ihnen sind Mütter mit Kindern, ein Mann mit einem “Böhse Onkelz”-Hoodie. Der ebenfalls anwesende Anti-5G-Aktivist Björn Wegner sprach auf der Veranstaltung am 16. Mai von einer “seltsamen Okkupationspolitik” Israels, Co-Organisator Felix Beuse verglich die derzeitige Situation mit 1933.

Auf den Plakaten der Demonstranten geht es um bekannte Themen wie Impfzwang und Bill Gates  – weniger um die Grundrechte, die als Label für die Veranstaltung herhalten müssen, aber keine wirklich große Rolle spielen. Die Heilpraktikerin Daniela Meyersick, ebenfalls eine der Organisatorinnen, appelliert, mehr an die Heilkraft des eigenen Körpers zu glauben: “Wir haben nie Impfungen gebraucht.” Nun, von Polio betroffene Menschen sehen das sicherlich anders.

“Dubito ergo sum”

Eine Person wie Herrn Balint nach einer solchen langen Zeit wiederzutreffen, gleicht ein wenig einer Zeitreise. Viele Erinnerungen kommen zurück, auch an den Philosophieunterricht, in dem wir damals über das “Dubito ergo sum” von Descartes gesprochen hatten. Es dauert einen Moment, bis der Lehrer erkennt, dass er einen alten Schüler vor sich stehen hat, der das mit dem Zweifel auch heute noch verinnerlicht hat. Und der Fragen hat.

Wie kommt der mittlerweile pensionierte Oberstudienrat dazu, sich hier zu engagieren? Politisch sei er nie aktiv, doch stets interessiert gewesen, sagt Herr Balint. Das änderte sich mit dem Lockdown, in ihm erwuchs das Bedürfnis zum Austausch über dieses Thema. Mit einem Freund sei er dann zu einer der Anti-Corona-Veranstaltungen gegangen, habe aus der Distanz beobachtet. “Ich habe einen ganz guten Überblick, was läuft”, erklärt Herr Balint. In der medialen Berichterstattung habe er Widersprüche gesehen, die Maßnahmen der Regierung findet er zweifelhaft. Und die Folgeschäden erst: “Wir können nicht endlos Geld drucken!”

Einen solchen Satz würden die allermeisten wohl unterschreiben. Außerdem, die politische Umsetzbarkeit einmal ausgeklammert, sind Forderungen nach Neuwahlen politische Forderungen, die man erheben kann. Warum singt Herr Balint dann bei einem Lied mit, in dem von “zwangsweise impfen” die Rede ist? “Das ist zu hart”, räumt er ein. “Ich finde Impfen gut, wenn man damit über die Jahre Erfahrungen gesammelt hat.”

Mit Bill Gates im Tennisklub

Und was ist mit den Plakaten, auf denen das verschwörungstheoretische Narrativ genannt wird, demzufolge Bill Gates hinter all dem steckt? “Ich habe nichts gegen Gates, aber er profitiert davon.” Der Verschwörungstheorie folge er nicht. Er habe ihn sogar einmal in einem Tennisklub in Seattle gesehen. Kein guter Spieler.

Und warum demonstriert er dann Seite an Seite mit diesen Menschen? Müsste er sich nicht sichtbar davon distanzieren, eine Trennlinie ziehen zwischen seinen politischen Forderungen auf der einen und den Anhängern von Esoterik und Verschwörungstheorien auf der anderen Seite? “Ich bin hier zu keinem Sprecher gewählt worden und kann nur für mich sprechen.” Und die Anwesenheit von Herrn Balint bei solchen Veranstaltungen spricht für sich.

Anmerkung: Wir haben das Zitat von Björn Wegner nach dessen Hinweis korrigiert.


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  1. Ein guter Artikel! Aktuell zur Situation ein Gedicht, das ich auf der Demo nach 16Uhr heute vortragen möchte:

    Jedes Leben zählt

    Ich bin und bleibe Optimist
    egal, was man erzählt,
    ein jeder Mensch mir wichtig ist,
    ein jedes Leben zählt.

    Trotz unverhohlener Grausamkeit
    Des Wutentbrannten, der gern quält.
    Trotz Völkermord und Menschenleid,
    auch schwarzes Leben zählt.

    Wenn Lebenslinien tragisch enden,
    tagtäglich neu und ungezählt
    lass ich mich nicht mehr davon blenden
    auch rotes Leben zählt.

    Trotz wahlloser Verhaftungen
    Trotz Provokanten, die bestellt
    es gelten alle Meinungen,
    auch gelbes Leben zählt.

    Im Zielvisier der Dilettanten,
    mit Einfluss und mit Geld
    entgegne ich den Ignoranten,
    dass buntes Leben zählt.

    Schau ich auf Pflanzen und auf Tiere
    So habe ich für mich gewählt:
    „die Zuversicht ich nie verliere,
    dass jedes Leben zählt.“

  2. Lieber Nils, eine Korrektur: ich habe bei der Demo 130 Personen gezählt und nicht 50, wie von dir angegeben.

  3. Als auch Anwesender habe ich auch Plakate gesehen, welche das Grundgesetz zitiert haben – genauso ist für eine Freiwilligkeit von Impfung zu sein, das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit.

    Bitte korrigiere die immer wieder rezitierte Falschmeldung, ich hätte Israel öffentlich als “rassistischen Apartheidstaat” betitelt. Korrekt ist: “Es irritiert mich, dass hier eine Flagge von einem Staat gehisst wird, der sagen wir mal eine seltsame Okkupationspolitik gegen Palästinenser durchführt…” (ab. 7:25 Min. – https://www.youtube.com/watch?v=lK7hnAlJyR4). Diese Bemerkung sagte ich nur deshalb, weil eine Israel-Fahne geschwenkt wurde und ist eine rein kritische Äußerung zum Handeln eines Staates, nicht auf die Relgion seiner Bewohner bezogen – daraus strukturellen Antisemitismus herzuleiten, wie es der zitierte Artikel tut, grenzt an Diffamierung.

    Herzlichst und bis nachher?

  4. Herr Dietrich, es ist nicht so, dass man nicht über Grundrechte spricht, wenn man das Wort Grundrecht nicht direkt benutzt ;-). Erst recht nicht, wenn man auf einer Demo für Grundrechte ist. Ich denke doch, dass die Münsteraner Bürger auch ohne das durchaus in der Lage zu erkennen sind, über welche ihrer Grundrechte gesprochen wird, die gerade oder in naher Zukunft beschnitten werden.

    Aber falls nicht und zu Ihrer Klärung: es gibt im GG das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn ein Herr Gates öffentlich sagt, dass 7 Milliarden Menschen, also ALLE, geimpft werden, dass ist das sehr wohl ein Angriff auf – zumindest meine – körperliche Unversehrtheit. Erst recht, wenn es sich um einen neuartigen m-RNA-Impfstoff handelt, der unsere Genetik beeinflusst, und der unmöglich innerhalb weniger Monate als sicher eingestuft werden kann. Hier macht man Versuche an Menschen.

    Und wenn sie schon zitieren, dann doch bitte korrekt und nicht aus dem Zusammenhang gerissen:
    Ich sagte: Die Menschheit hat sich vor Jahrtausenden ohne Impfungen entwickelt. Und sie braucht zum ÜBERLEBEN auch keine Impfung. Und weil sie Polio ansprechen: Viele Erkrankungen, wie zum Beispiel Polio, stehen im engen Zusammenhang mit den hygienischen Lebensbedingungen. Je besser die Bedingungen, desto resistenter die Menschen.

    Es gäbe genug Geld, das Elend vieler Menschen zu beseitigen. Sauberes Wasser, genug essen, hygienische Lebensbedingungen. FRIEDEN. Eine Impfung wird weder dieses Leid lindern, noch Menschen gesünder machen. Vielleicht sterben sie nicht an Polio, aber sie sterben an anderen Seuchen, Hunger und durch Politik und Korruption angestachelte Gewalt.

    Aber die wahren Ursachen scheinen vielen ja egal zu sein. Ist aber auch weit weg. Wird auch in der Presse nicht viel drüber berichtet. Kann man nicht unbedingt wissen – wenn man es nicht wissen will.

    In dem Sinne – auf ein Neues!
    Samstag, um 16.00 Uhr am Domplatz 🙂

  5. Liebe Daniela, danke für Deinen Kommentar. Ich freue mich über die kurze und wichtige Information. 🙂 Michael

  6. Liebe Daniela, danke für Deine kurze und wichtige Information. 🙂 Michael

  7. Ich freue mich sehr, dass dieses Mal jemand vor Ort recherchiert hat 🙂 Denn im ersten Artikel

    https://wiedertaeufer.ms/protest-gegen-corona-massnahmen-wird-folgen-haben/

    wurde von anderen Informationsquellen abgeschrieben. So etwas ist zwar modern, indem es Zeit- und Ressourcen optimiert, fördert aber leider eine Meinungsmonokultur. Selberdenken und sich selber eine Meinung bilden hilft dabei, sich mit seinem eigenen Leben in der Welt zu recht zu finden. Leben ist sehr individuell. Das Übernehmen der Meinungen anderen bewirkt unter Umständen, dass deren Bedürfnisse und nicht die eigenen erfüllt werden.

    Danke Nils, dass Du da warst und Danke an Euch alle, dass ihr Begegnung, Austausch und vielleicht bald auch gegenseitiges Verstehen, praktiziert.

    Michael

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