Stadtgeschichte(n)

Die Zuckervilla: Geschichte hinter hohen Hecken

Ein besonderes Gebäude: die 1904/1905 erbaute Zuckervilla.

Einmal Denver und zurück. Aufstieg und Fall eines Lebensmittelmoguls. Wahlkampfschlager der Nazis. Die Zuckervilla am Kreuztor ist nicht nur optisch eine Besonderheit. Hinter seiner Geschichte stecken viele Geschichten.

Der Zaun mit den spitzen Pfählen soll ungebetene Gäste fern halten. Die hohe Hecke schützt vor neugierigen Blicken, eine Kamera hat den Eingangsbereich im Blick. Wer die Zuckervilla ansatzweise in Augeschein nehmen will, muss sich am Kreuztor auf die andere Straßenseite begeben. Das 1905 fertiggestellte Haus wirkt ein wenig wie ein Miniatur-Märchenschloss, das durch einen imaginären Burggraben vom Rest der Stadt getrennt ist.

So bleibt nur der Blick aus der Distanz. Spätestens hierbei fällt auch dem architekturunkundigen Betrachter auf, dass es sich bei der Zuckervilla um ein besonderes Gebäude handelt, das in der gesamten Stadt seinergleichen sucht. Wo findet man sonst einen solchen Eckturm? Das Besondere dieses Hauses wiederum speist sich nicht nur aus der besonderen Architektur zu tun, sondern auch mit den Menschen, die es gebaut und bewohnt haben. Das fängt schon mit dem Namensgeber des auch als Villa Terfloth bekannten Gemäuers an, auch wenn er vielleicht nicht Jedermann auf Anhieb ein Begriff ist: Robert B. Terfloth, erfolgreicher und alteingessener Lebensmittelgroßhändler, der sein Vermögen unter anderem mit Zucker machte.

Die Geschichte beginnt kurz nach der Jahrhundertwende, das ganze Reich und mit ihm auch die Provinzialhauptstadt Münster befand sich in einem fulminanten Aufschwung. Die Industrialisierung schritt schnellen Fußes voran, Straßen, Bahnstrecken und Kanäle wurden gebaut. Das eröffnete auch findigen Geschäftsleuten die Chance, ihr Vermögen zu mehren. Terfloth war einer von ihnen, der neue Hafen bot ihm und seinem Lebensmittelgroßhandel die Möglichkeit zur Expansion.

Die Zuckervilla befindet sich heute in Privatbesitz.
Die Zuckervilla befindet sich heute in Privatbesitz.

Und wie das zumindest im beginnenden 20. Jahrhundert so war: Man zeigt, was man hat. “Die Kreuzstraße wurde seinerzeit angelegt, das war eine sehr repräsentative Adresse”, erklärt Stefan Rethfeld, Architekt und Journalist. Die Kreuzschanze war erst kurz zuvor umgebaut worden, um den Zugang von der Altstadt in das Kreuzviertel zu verbessern. Terfloth, der mit der auch heute noch in Münster nicht ganz unbekannten Familie Hüffer befreundet war, wurde seinerzeit ein Architekt empfohlen, der seinerseits über eine besondere Geschichte verfügt: Alexander Cazin.

Dieser Name ist heute leider in Vergessenheit geraten, dabei hat der Architekt seine markanten Spuren an der ein oder anderen Stelle in Münster hinterlassen. Bis dahin aber war es ein weiter Weg: Cazin wurde 1857 in Münster geboren, sein Vater war Drucker und Buchhändler. Er ging diesen Tätigkeiten mit sehr überschaubarem Erfolg nach, was ihn zehn Jahre später dazu bewogen haben dürfte, Frau und die vier gemeinsamen Kinder sitzen zu lassen und sich aufzumachen in die Neue Welt. Möglicherweise war es aber auch das Nachbarsmädchen, das im kurze Zeit später in die neue Heimat in den USA folgte.

Dort, in der vom Silberrausch betörten Boomstadt Denver, fand Vater Cazin schließlich auch sein geschäftliches Glück. Nach dem Tod der Mutter holte Fritz Cazin seine Kinder zwischen 1878 und 1881 über den Großen Teich in die Stadt am Fuße der Rocky Mountains. Alexander Cazin, der wohl eine Ausbildung als Architekt in Münster genossen hatte, fand in der neuen Heimat schnell Anschluss. „Sein Talent wurde erkannt, er erarbeitete sich schnell einen guten Ruf“, berichtet Rethfeld. Seinerzeit wurde im stark wachsenden Denver viel gebaut, gute Leute mit Ahnung von der Materie wurden händeringend gesucht.

Eines von Cazins ersten Projekten in Denver, das er allerdings nicht zu Ende bringen durfte: das Richofen Castle. (Foto: Lonious/CC BY-SA 4.0)
Eines von Cazins ersten Projekten in Denver, das er allerdings nicht zu Ende bringen durfte: das Richofen Castle. (Foto: Lonious/CC BY-SA 4.0)

Zu Cazins größeren Projekten in Denver zählten das Regis College und das Richthofen Castle, das auch heute noch eine der Hauptsehenswürdigkeiten von Denver ist. Er fiel jedoch aus heute nicht mehr rekonstruierbaren Gründen in Ungnade, ein anderer Architekt vollendete das Bauwerk im Tudor-Stil.

Seinerzeit aber war in den USA eine andere Stilrichtung in Mode, die offenbar auch Cazin beeinflusst hat: die Richardson Romantik oder auch Richardsonian Romanesque. Ihr Namensgeber, Henry Hobson Richardson (1836 – 1886), war einer der einflussreichsten Architekten seiner Generation in den Vereinigten Staaten. “Er dachte sich: Wie kann ich etwas Neues bieten für den amerikanischen Markt? Und kopierte Europa”, sagt Rethfeld. Zunächst habe man ihn belächelt, doch letztlich prägte er die Stilrichtung, die nach ihm benannt wurde. Die Trinity Church in Boston gilt als eines seiner maßgeblichen Bauwerke.

Die Trinity Church in Boston gilt als eines der stilbildenden Gebäude der Richardsonian Romanesque. (Foto: Daderot/CC BY-SA 3.0)
Die Trinity Church in Boston gilt als eines der stilbildenden Gebäude der Richardsonian Romanesque. (Foto: Daderot/CC BY-SA 3.0)

Die Richardsonian Romanesque zeichne sich, so fasst es Ulrich Althöfer in seinem Aufsatz zur Villa Terfloth zusammen, vor allem durch südwesteuropäische, romanische Formen aus. Als charakteristische Züge dieser Stilrichtung gelten die extensive Verwendung von Bossenquadern für die Fassadengestaltung, malerische Fassaden- und Gesamtdispositionen etwa mit Türmen sowie die Vorliebe für monumentale, von wuchtigen, bossierten, segmentierten Hausteinbögen umfangene Rundbogenöffnungen. Die Fenster besitzen meist großzügige Ausmaße. Solche Charakteristika sind beispielsweise im inzwischen abgerissenen Gratwick House in Buffalo zu finden, das Richardson selbst gebaut hat und das deutliche Parallelen zur Zuckervilla aufweist. “Cazin muss dieses Vorbild gekannt haben”, ist sich Architektur-Experte Rethfeld sicher.

Auf den Silberhype folgte in Denver die Silberdepression, die Cazin 1895 zu seiner Rückkehr in die Heimat veranlasste. Auch hier machte er schnell auf sich aufmerksam. Der erste größere Auftrag war das Fahle-Haus am Alten Fischmarkt, das er für den gleichnamigen Verleger baute. Bei seinem zweiten größeren Projekt lassen sich die Einflüsse aus den USA sehr deutlich ablesen: das Hüffer-Stift, heute akademische Lehranstalt, früher orthopädische Klinik. Das Verlagshaus Aschendorff am Bremer Platz baute er in der Folgezeit ebenso wie beispielsweise das St. Joseph Hospital in Bochum. In den 30er Jahren soll sich Cazin dann zur Ruhe gesetzt haben, ehe er 1944 in Weihnär bei Nassau verstarb.

Cazins erstes größeres Projekt in Münster: das Fahle-Haus (rechts) am Alten Fischmarkt.
Cazins erstes größeres Projekt in Münster: das Fahle-Haus (rechts) am Alten Fischmarkt.

Cazins Geist aber lebt weiter an den Stellen, an denen er seine Farbtupfer in das Stadtbild pinselte. Das gilt gerade für die Zuckervilla, in die der Zuckerhändler Terfloth nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1905 einzog. Er verstarb letztlich 1928, das Haus ging augenscheinlich in den Besitz seines Sohnes Fritz über. Der hatte das väterliche Unternehmen weiter ausgebaut, legte 1931 jedoch eine spektakuläre Pleite hin. Aus der Insolvenzmasse aber konnte er die Gläubigerforderungen bedienen. In der Folgezeit baute er das Unternehmen zusammen mit seinem ehemaligen Lehrling und späterem Partner, einem gewissen Egbert Snoek, neu auf. Sie verfolgten dabei einen für die damalige Zeit revolutionären Ansatz im Lebensmittelgroßhandel. Ratio war geboren.

Die Zuckervilla aber war für die Terfloths verloren. Das Gebäude ging 1932 in den Besitz der Stadt über und sorgte zunächst für negative Schlagzeilen. “Sie sollte die repräsentative Villa des Oberbürgermeisters werden”, sagt der Historiker Timm Richter. “Das kam in der Weltwirtschaftskrise nicht so gut an.” Die seinerzeit wahlkämpfenden Nazis griffen die Steilvorlage, die ihnen die Stadtführung mit den teuren Umbauplänen geliefert hatte, dankend auf.

Cazin erbaute von 1901 bis 1903 die orthopädische Klinik der Hüfferstiftung.
Cazin erbaute von 1901 bis 1903 die orthopädische Klinik der Hüfferstiftung.

Es sollte der NSDAP kurzfristig nichts nützen, doch der 30. Januar 1933 änderte in Deutschland so ziemlich alles. Auch die Zuckervilla bekam neue Bewohner, die in der Folgezeit immer häufiger wechseln sollten. Ab Mitte des Jahres zog der Reichsarbeitsdienst ein, 1941 kam die Wehrmacht. Zwischen 1945 und 1950 schließlich wurden die Schwestern aus Idaheim am Kreuztor einquartiert, bevor die schulpsychologische Beratungsstelle hier ihre Heimstatt fand.

Im Jahr 2003 schließlich verkaufte die Stadt die Zuckervilla. Seither wohnt der bekannte Designer Dieter Sieger hinter den Zäunen und hohen Hecken. Mit uns sprechen wollte er leider nicht. Schade, es wäre ein schöner Schlusspunkt für unsere Geschichte über dieses Haus mit seinen vielen Geschichten gewesen. Aber wie das manchmal so ist: Es hat nicht sollen sein.

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