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Starkregen: Stadt knausert bei Präventionsmaßnahmen

Starkregen 2014: Die Scharnhorststraße unter Wasser. (Foto: Michael Artz/CC BY 2.0)

Starkregen 2014: Die Scharnhorststraße unter Wasser. (Foto: Michael Artz/CC BY 2.0)

Zwei Menschen starben, Millionenwerte wurden vernichtet, Tausende Keller überflutet. Der Starkregen von 2014 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt. Überflutungskarten können einen wichtigen Beitrag leisten, um besonders gefährdete Gebiete zu identifizieren. Doch die Verwaltung will das hierfür benötigte Geld nicht bereitstellen.

Der 28. Juli 2014 ist der Tag, an dem der Regen kam. In sieben Stunden prasselten 292 Liter Niederschlag pro Quadratmeter auf unsere Stadt ein. Die Feuerwehr im Dauereinsatz, Menschen, die zusammen mit Wasser gefüllte aus den vollgelaufenen Kellern trugen. In den folgenden Tagen standen die Straßen voll mit Sperrmüll aus den zuvor überfluteten Kellern, aus dem ganzen Land halfen Müllabfuhren, um dieser Flut nach der Flut Herr zu werden. Das schöne Münster, vernarbt von einigen Unwetterzellen, die sich durch einen meteorologischen Zufall genau über der Stadt tummelten und ihre unheilvolle Fracht über ihr abwarfen. Kinderhaus und Nienberge mussten besonders leiden, nur Roxel blieb verschont.

Gewässer und Kanalisation mussten innerhalb kürzester Zeit 40 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Das Problem: Die Fluten überstiegen die Kapazität der Infrastruktur um das 26fache: “Es war klar, dass das nicht zu bewältigen war”, sagt Gerhard Rüller, stellvertretender Leiter des Tiefbauamts. Klar ist auch, dass ein solcher Starkregen – für das die entsprechende Skala der Meteorologen extra nach oben hin erweitert wurde – statistisch gesehen nur alle 300 bis 400 Jahre passiert. Zugleich aber werden sich Niederschläge und Extremwetterereignisse in Zukunft häufen: “Die Starkregenwahrscheinlichkeit nimmt definitiv zu”, sagte TV-Wetterfrosch Sven Plöger kürzlich bei der Präsentation des Klimaanpassungskonzeptes der Stadt. “Der Klimawandel ist real und steht bei uns vor der Haustür”, flötete bei der Gelegenheit auch Nachhaltigkeitsdezernent Matthias Peck.

Nicht ausruhen!

Es ist allgemeiner Konsens, dass sich ein Ereignis wie 2014 nicht verhindern lässt – aber wir können uns besser vorbereiten. Die Herausforderungen werden nicht geringer, schließlich werden wir in nicht allzu ferner Zukunft in Münster ein Klima haben wie in Bordeaux. Die Vorstellung an sich mag reizvoll sein, aber Münster ist für ein solches Klima nicht gebaut worden. Vor diesem Hintergrund hat die Stadt ein Klimaanpassungskonzept in Auftrag gegeben. “Eine Reihe der konkreten, von dem Ingenieurbüro vorgeschlagenen Maßnahmen sind bereits durchgeführt”, erklärte Peck und verwies als Beispiel auf die Maßnahmen an der Kanalstraße. Aber: Auch die Besitzer von Häusern seien aufgefordert, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die Stadt helfe gerne. Nicht zuletzt appellierte er: “Wir sollten uns nicht ausruhen!”

Dieser Appell scheint nicht überall in der Stadtverwaltung gehört zu werden. Ein nicht ganz unwesentliches Instrument zur Abschätzung der Auswirkung von Starkregenereignissen sind Überflutungskarten. “Sie zeigen überflutungsgefährdete und besonders verwundungssensible Bereiche”, sagt Peter Schütz vom Landesumweltministerium dem Recherchekollektiv Correctiv. Dabei handelt es sich um eine Art Stadtplan, auf der bis auf die Hausnummer genau zu erkennen ist, welche Straßenzüge bei welcher Regenmenge wie stark gefährdet sind.

In die Simulation fließen Erkenntnissse aus Meteorologie, Statistik, Topografie und Baukunde ein, aber auch die Lage von Grünflächen, Gefällen und Kanälen spielen eine Rolle. “Wir schauen in einer Simulation, wo das Wasser in einer solchen Situation bleibt”, erläutert Rüller. Das sei wichtig für die Verwaltung und für Grundstückbesitzer, denn diese könnten dann gezielt Vorsorgemaßnahmen ergreifen.

Eine Frage der Prioritäten

Für Kinderhaus hat die Stadt bereits entsprechende Karten erstellt und sie zwischenzeitlich auf der Website des Tiefbauamtes veröffentlicht. Das Thema ist nämlich nicht ganz unumstritten, denn neben der wichtigen Frühwarnfunktionen können die Simulationen auch Erkenntnisse zu Tage fördern, die den Wert einer Immobilie nicht unbedingt im Sinne ihres Besitzers beeinflussen. Auch Versicherungen könnten sich für solche Erhebungen interessieren und die Prämien für Elementarschäden anpassen. Die Verwaltung jedenfalls legt keinen ausgeprägten Elan an den Tag, wenn es um die Fortführung des Projektes geht. Aus dem von Stadtbaurat Robin Denstorff gezeichneten Sachstandbericht des Tiefbauames zum Starkregenereignis von 2014 jedenfalls steht:

“Zur Bearbeitung der weiteren hydraulischen Nachweise der noch nicht berechneten Gewässer und Kanalnetze zur Risikoanalyse und zur Aufdeckung von Schwachstellen und ggf. Erarbeitung von Verbesserungskonzeptionen sowie zur Umsetzung der erforderlichen Baumaßnahmen ist weiteres zusätzliches Personal in Höhe von mindestens 3,0 Stellen (Ingenieur E 11) erforderlich.

Obwohl die Personalaufwendungen durch Entwässerungsgebühren refinanziert sind, wird aufgrund der derzeitigen Finanzlage der Stadt Münster aber keine Möglichkeit gesehen, diese zusätzlichen Stellenbedarfe abzudecken. Eine weitere Bearbeitung der (…) dringend erforderlichen Nachrechnungen, Planungen und Maßnahmenumsetzungen erscheint daher auf absehbare Zeit nicht möglich und muss auf ca. 15 bis 20 Jahre gestreckt werden.”

Der nächste Starkregen kommt definitiv

Nochmal zusammengefasst: Die Erstellung der Karten ist aus Sicht des Tiefbauamtes dringend erforderlich, dafür werden drei Ingenieure benötigt. Die Verwaltung sagt, man habe dafür kein Geld, obwohl sich die Stellen über die Abwassergebühren selbst finanzieren. “Die drei zusätzlichen Ingenieurstellen sind der augenblicklichen Finanzlage der Stadt Münster zum Opfer gefallen”, erklärt Rüller achselzuckend. Das Ganze habe die Politik dann letztlich abgesegnet.

Dort werden andere Prioritäten gesetzt: “Die Überflutungskarten sind nur ein Baustein in der Neuaufstellung der Stadt bei der Bewältigung der Hochwasserproblematik”, sagt Ludger Steinmann, planungspolitischer Sprecher der SPD-Ratsfraktion. “Das Personal beim Tiefbauamt ist aufgestockt worden, ebenso haben wir angefangen, die von der urbanen Springflut am meisten betroffenen Stadtteile neu zu berechnen und mit Baumaßnahmen zukunftssicher aufzustellen.” Heinz-Georg Buddenbäumer (CDU), Vorsitzender des Umweltausschusses, ließ mehrere Anfragen bezüglich einer Stellungnahme zur Thematik unbeantwortet.

Merkwürdig. Wir hätten gerne eine plausible Erklärung dafür gehabt, warum denn nun kein zusätzliches Personal für die Erstellung der Überflutungskarten eingestellt wird. Denn: Der nächste Starkregen kommt definitiv. Und, eines darf man an dieser Stelle nicht vergessen: Hier geht es am Ende um Menschenleben.


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