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PARK(ing) Day in Münster: Jetzt wird der Parkplatz zum Park

Der erste PARK(ing) Day in Münster findet am 15. September statt.

Ob auf eigenen Parkplätzen oder Straßen: In den Städten der Autorepublik Deutschland gilt das Primat des PKW. Dagegen wollen Aktivisten nun ein Zeichen setzen und sich zumindest ein kleines Stück urbanen Raumes zurückholen. Andreas K. Bittner, Vorsitzender des ADFC-Ablegers im Münsterland, erklärt in seinem Gastbeitrag die Hintergründe des PARK(ing) Day, der am 15. September zum ersten Mal in der Fahrradhauptstadt stattfindet. 

Beim Monopoly lernen Kinder schnell, dass die Chance für “Frei Parken” gering ist. Übrigens genauso niedrig, wie ins Gefängnis zu kommen. Die Realität sieht anders aus. Denn bei den meisten Autofahrten ist Parken eine kostenlose Angelegenheit. So entsteht der Eindruck: Wer ein Auto kauft, bekommt damit zugleich eine Gratis-Flatrate für das Parken im öffentlichen Raum. Und selbst dort, wo Parkflächen bewirtschaftet werden, scheinen die Gebühren (in Münster) vielleicht subjektiv hoch; doch ein Blick in die benachbarten Niederlande zeigt schnell, dass hier noch viel Luft nach oben wäre.

Aber ganz gleich, ob Parkflächen privat oder öffentlich, vom Arbeitgeber oder Supermarkt vorgehalten, oder in allerbester Innenstadtlage in Etagen geschichtet sind – Fahrzeuge nehmen zu viel Platz ein. Über das flächenversiegelte und (nach dem Tropensturm Harvey) versunkene Houston heißt es auf “Spiegel Online”: “Das innere Stadtgebiet besteht zu fast zwei Dritteln aus Straßen und Parkplätzen. 65 Prozent aller verfügbaren Flächen sind für Autos reserviert. Allein für Parkplätze gehen 25 Prozent drauf. Für Parks 2,5 Prozent.”

Unser Gastautor Andreas K. Bittner ist Vorsitzender des ADFC Münsterland.
Unser Gastautor Andreas K. Bittner ist Vorsitzender des ADFC Münsterland. (Foto: privat)

Donald Shoup, kalifornischer Professor für Stadtplanung, schreibt in seinem Standardwerk “The High Cost of Free Parking”, dass dies zu gewaltigen volkswirtschaftlichen Kosten geführt hätte (und führt) und sieht eine historische Fehleinschätzung: “Im Endeffekt handeln Stadtplaner, als bestünde ein Anspruch auf kostenlose Parkplätze.” Für bezahlbaren Wohnraum beispielsweise gelte dies meist nicht, meint Shoup. Für Radwege eher auch nicht.

Der amerikanische Architekturkritiker Lewis Mumford warnte bereits vor sechzig Jahren:
Das Recht, mit einem privaten Auto jedes Gebäude in der Stadt zu erreichen, ist in einer Zeit, in der jeder ein solches Auto besitzt, in Wahrheit das Recht, die Stadt zu zerstören.

23 Stunden am Tag ein Stehzeug
Zahlreiche Autoren zitieren ähnliche Zahlen und Studien, denen zufolge es in Deutschland ungefähr 46 Millionen PKW gibt; rein rechnerisch ein Dreiviertel-Auto für jeden Erwachsenen – ohne Lastwagen. Diese „Fahrzeuge“ stehen pro Tag etwa 23 Stunden herum – und im Weg. Hochgerechnet 347 Tage im Jahr muss – vor allem in Städten – zunehmend knapper Raum vorgehalten wird. Je nach Quelle entfallen 30 bis 40 Prozent des innerstädtischen Verkehrs auf den Parksuchverkehr.

Warum dürfen sich private Fahrzeuge auf öffentlichen Flächen so breit machen? Haben Fahrzeuge mehr Rechte als Menschen? Ist es nicht absurd, kostbaren Lebensraum für den immobilen Individualverkehr zu verschwenden? Ein durchschnittlicher PKW benötigt ca. 15 qm Stellfläche; etwa so viel wie acht Fahrräder. Mit der Folge, dass Autos tagsüber die schönsten Plätze zum Sitzen, Spielen, Flanieren oder Tagträumen blockieren.

Diese Verschwendung von knappem öffentlichem Raum ist grotesk, inzwischen allerdings weit verbreitet und alltäglich. Zugestellte Innenstädte, Wildparken und ordnungswidriges Abstellen auf Geh- und Radwegen werden inzwischen unhinterfragt als Teil des Stadtbilds akzeptiert. Die Menschen staunen, wenn sie sehen, was mit öffentlichen Flächen sonst noch alles anzufangen wäre. Genau das ist die Idee, die hinter dem PARK(ing) Day steht.

Die Anfänge: Kostbarer urbaner Raum, neu gedacht!
Am 16. November 2005 schwebte der kalifornischen Künstler- und Aktivistengruppe REBAR eine Art Schnellkurs in Guerilla-Stadtplanung vor. Nach Berechnungen von REBAR waren 70 Prozent der öffentlichen Fläche im Zentrum von San Francisco privaten Kraftfahrzeugen vorbehalten: “Einer der kritischen Faktoren im öffentlichen urbanen Raum ist der fehlende Platz für Menschen die ausruhen, entspannen oder einfach nichts tun möchten.”

Die simple Idee: Durch das Lösen eines Parktickets war es möglich, eine der begehrten, teuren Innenstadtimmobilien für kurze Zeit anzumieten und alternativ zu nutzen. Der Stellplatz sollte zur grünen Ruhe- und Kommunikationsfläche werden. Die Aktivisten rollten ein Stück Kunstrasen aus und stellten eine Parkbank und einen Baum auf. Dann fütterten sie die Parkuhr vorschriftsmäßig für zwei Stunden. So entstand ein winziger öffentlicher Park, der zugleich Natur, Sitzgelegenheit und Schatten bot. Nachdem zunächst ein Blogger erste Fotos verbreitet und REBAR ein kurzes Video veröffentlicht hatte ging die Idee rasch um die Welt. Im Jahr 2017 ist sie nun auch in Münster ankommen.

#parkingdayMS 2017
Der PARK(ing) Day findet immer am dritten Freitag im September statt. Ein Aktionsbündnis engagierter Fahrradfreundinnen sowie Anhänger eines ökologisch-sozialverträglichen Mobilitätsgedankens organisiert diesen nun im lebenswerten Münster. Sie wollen demonstrieren, dass mehr Lebensqualität für Alle entsteht, wenn für die Stadt- und Verkehrsplanung wieder der Mensch das Maß der Dinge ist.

Park statt Parkplatz: Eine Premiere, auch für die Verwaltung der Stadt. Zuständig ist nicht das Ordnungsamt, das gleichwohl einige Auflagen machte, sondern die Polizei, da um die “Anmeldung einer Versammlung unter freiem Himmel / eines Aufzuges nach § 14 Versammlungsgesetz” gebeten wurde. Schließlich geht es um „die Teilhabe an [einer] der öffentlichen Meinungsbildung gerichteten Erörterung oder Kundgebung“.

Meinungsbildung? Bei einer aktuellen, repräsentativen Umfrage, die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) beauftragt hat, kam heraus: Die Hälfte aller Bundesbürger wünscht sich eine andere Aufteilung des öffentlichen Raumes. 87 Prozent von ihnen wollen mehr Platz für Begegnungen, Rad- und Fußverkehr, 50 Prozent wollen diese Veränderung zulasten des Autoverkehrs. Happy #PARK(ing)Day.

Weitere Informationen unter:

PARK(ing) Day 2017 Münster


Facebook: @ParkingdayMS
Twitter: #parkingdayMS

One Response

  1. […] in der Stadt. Auch die mediale Resonanz war überwältigend. Neben den Lokalmedien wie WN, WDR, Wiedertäufer und Mnstr.TV, sind unsere Fotos via dpa Meldung überregional in der Berichterstattung des […]

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