Klartext

OB Lewe und die Seenotrettung: Verrat an den eigenen Idealen

Steht wegen der Absage an die Aufnahme weiterer Geflüchteter in der Kritik: Oberbürgermeister Markus Lewe

Bislang durfte man denken, in Münster tickten die Unionsuhren noch ein wenig anders. Anders als in Bayern oder in Sachsen. Doch auch die hiesige CDU bleibt vom rechtspopulistischen Turn in der Union offensichtlich nicht verschont. Anders lasse sich die Absage von Oberbürgermeister Markus Lewe an die solidarische Aufnahme von aus Seenot geretteten Menschen in unserer Stadt nicht erklären, schreibt Dr. Jesper Reddig von der Initiative “Münster – Stadt der Zuflucht” in seinem Gastbeitrag.

Münster wird keine geflüchteten Menschen aufnehmen, die in Seenot auf dem Mittelmeer gerettet worden sind. Das hat Markus Lewe kürzlich gegenüber der “Münsterschen Zeitung” erklärt und sich dabei abgegrenzt von der Initiative der Städte Köln, Bonn und Düsseldorf, die sich eben dazu bereiterklärt haben.

Bemerkenswert ist die Begründung des Oberhauptes der Stadt des Westfälischen Friedens: Angesichts der 16 Mio. Euro, die die Stadt für die Errichtung der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) aufbringen müsse, sei die Aufnahme weiterer Geflüchteter in der Öffentlichkeit kaum noch zu vermitteln. Und fügt an: “Man kann das Geld nur einmal ausgeben.”

Damit reißt Lewe zwei zeitlich und räumlich voneinander völlig getrennt gelagerte Themenkomplexe – die Entscheidung des Münsteraner Rates gegen die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) im Frühjahr und die aktuelle Frage nach einer zusätzlichen Aufnahme Geflüchteter – aus ihrem Kontext und verquirlt sie zu einer einzelnen Angelegenheit. Den Zusammenhang, den er zwischen den beiden Themenkomplexen festzustellen meint, führt er auf den städtischen Finanzhaushalt zurück.

Gastautor Dr. Jesper Reddig von der Initiative "Münster - Stadt der Zuflucht" (Foto: privat)
Gastautor Dr. Jesper Reddig von der Initiative “Münster – Stadt der Zuflucht” (Foto: privat)

Es ist dies die kalte Sprache der Effizienz. Ein Mann, dessen Partei einst für christliche Werte stand, reduziert Mitmenschlichkeit auf ein Kosten-Prinzip – und das im wohlhabenden Münster. Tatsächlich haben die ZAB-Entscheidung und Lewes Absage an die Seenotrettung nichts miteinander zu tun. Es ist viel mehr die Furcht vor weiteren Stimmenverlusten seiner Partei.

Das zeigt nicht zuletzt seine paternalistische Rhetorik, vermeintlich für die Münsteraner Bevölkerung zu sprechen. Zu behaupten, die Aufnahme in Seenot Geretteter sei in Münster “kaum noch zu vermitteln”, ist ein Schlag in das Gesicht zahlloser Münsteraner*innen, die freundschaftlich und ehrenamtlich mit Geflüchteten leben und arbeiten, mich eingeschlossen.

Ich fasse die Aussage als eine regelrechte Anmaßung auf, da sie mir tendenziell meine tiefe Verbundenheit und Solidarität mit zufluchtsuchenden Menschen abspricht. Andererseits wendet sich Herr Lewe so explizit ab von der örtlichen Zivilgesellschaft, die sich seit langer Zeit solidarisch zeigt.

Vom gerne so öffentlichkeitswirksam beschworenen Ideal Münsters als “Friedensstadt” hat sich der Oberbürgermeister mit dieser Form der Rhetorik entfernt. Viel mehr: Es ist ein Verrat an den eigenen Idealen.

Der Gastbeitrag wurde den Wiedertäufern zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Er muss nicht zwangläufig die Meinung der Redaktion widerspiegeln.


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