Stadtgeschichte(n)

“Lebenslauf auf Reset plus Bonus”: Wie Religion Radikale hervorbringt

Die Podiumsdiskussion im Rahmen der Dialoge zum Frieden fand im Rathaus statt.

Ob derzeit in Syrien, im Westjordanland oder in Myanmar: Die Radikalisierung religiöser Gemeinschaften in eines der großen Themen der Gegenwart. Für die Auftaktveranstaltung der alljährlich stattfindenden “Dialoge zum Frieden” hatte sich Münster Marketing als Veranstalter ein großes Thema vorgenommen – das sich am Ende allerdings als zu groß erwies.

Gewalt, Vertreibung, Unterdrückung, Ausgrenzung. Wie kommt es, dass sich religiöse Gemeinschaften derart radikalisieren? Dass sie ihre Religion, ihren Gott, ihre Weltsicht über alles andere stellen? Im Zweifel auch über sich selbst? Das sind große Fragen, die sich – wenn überhaupt – nicht allgemeingültig beantworten lassen. Jedenfalls ist es schwer, das in anderthalb Stunden zu schaffen, wie es Münster Marketing als Ausrichter der “Dialoge zum Frieden” am Donnerstag im Rathaus versucht hat. Zumindest suggerierte dies der Titel der Veranstaltung, der da “Identität. Fundamentalismus. Gewalt. Radikalisierung religiöser Bewegungen” lautete.

Unglücklicherweise landete das Plenum um Moderatorin und WDR-Journalistin Gisela Steinhauer immer wieder beim radikalen Islamismus, dessen boshafte Auswüchse wir auch hier in Deutschland zu spüren bekommen. Das gilt nicht nur für die Greueltaten eines Anis Amri, der mit einem LKW in die Menschenmenge auf dem Breitscheidtplatz in Berlin raste und zwölf Menschen tötete. Das erreicht uns auch dann, wenn der Stadrat als Reaktion darauf Anti-Terror-Poller aufstellen lassen möchte.

“Lebenslauf auf Reset plus Bonus”
Aber wie kommt es dazu? Das ist eine Frage, die besonders in der Friedensstadt Münster mit ihrer Vergangenheit – Stichwort: Täuferreich – Relevanz hat. “Die Erosion sozialer Strukturen und der Rolle religiöser Rituale führt zu Gewalt”, erklärte eingangs Prof. Thomas Hauschild, der gerade seine Gastprofessur am Exzellenzcluster “Religion und Politik” beendet hat. Seine Beobachtungen aus dem tiefen Süden Italiens, wo er geforscht hat: Der Zerfall der traditionellen italienischen Familie schaffe den “Nährboden für Radikalisierung”, die Landschaft an der Spitze der Apennin-Halbinsel erinnere ihn an den Libanon oder Syrien vor “20, 30, 40 Jahren”.

Religion also als fester Rahmen, der den Menschen in der für viele immer unübersichtlicher werdenden, globalisierten Welt Halt bietet? Jein, urteilt Christoph Reuter, Nahostkorrespondent des “Spiegel”. Er plädiert für eine differenzierte Sichtweise und verweist auf die 940 Deutschen, die sich vom Islamischen Staat haben nach Syrien locken lassen: “Das sind die Leute, die als Pizzaboten gescheitert sind, nicht die Schriftkundigen.” Macht, Geld, ein Haus, Frauen – die Versprechungen der Werber seien weltlicher Natur: “Lebenslauf auf Reset plus Bonus.”

Seyran Atres, Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin, sieht dies ähnlich: “Es sind auffälligerweise die Konvertiten, die Looser, die in den neuen Gemeinschaften wichtige Positionen einnehmen.” Eben solche Leute wie der auch am Donnerstagabend einige Male genannte Ex-Rapper Deso Dogg, der nach Syrien gegangen ist, nachdem es mit der Karriere als Popstart nicht so richtig klappen wollte. Jetzt reüssiert er als IS-Propagandist.

Für den großen Bogen reicht es nicht
Der Koran spielt nach Ansicht Atres’ nur eine vordergründige Rolle. Viele könnten beispielsweise rezitieren, verständen das Gesagte aber nicht einmal, geschweige denn seien sie zu einer richtigen Interpretation im historischen Kontext fähig. Ein Beispiel für die “falsche Vermittlung” von religiösem Wissen: “Eine Frau sagte mir neulich, dass ihr das Tragen des Kopftuchs wichtiger sei als Beten und Fasten.” Dabei handelt es sich genau hier um zwei der fünf Säulen des Islam – ein frommer und kundiger Moslem würde so etwas niemals sagen.

Weiter ging es inhaltlich aber nicht. Der große Bogen, den das Thema religiöse Fanatisierung bietet, wurde nicht gesponnen – es wäre vielleicht auch zu viel gewesen, aber am Ende konzentrierte sich die Diskussion bis auf Hauschilds Einlassungen zu Beginn auf den radikalen Islamismus. Der ist ein aktuelles und sicherlich herausragendes Beispiel für das Thema, aber eben nicht das einzige. Und da wäre es sinnvoll gewesen, auch andere Facetten zu beleuchten – davon bietet der religiöse Fanatismus leider genug.

Die nächste Podiumsdiskussion im Rahmen der “Dialoge zum Frieden” findet am 11.10. um 20 Uhr im Rathausfestsaal statt. Thema: “Siegeszeichen. Mahnmal. Kunstwerk. Touristische Attraktion. Die Käfige am Lambertikirchturm und die Täufer von Münster”. Anmeldung erforderlich unter dialoge-zum-frieden@stadt-muenster.de