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Holocaust-Überlebender Leslie Schwartz: Kämpfer gegen das Vergessen


Der Zweite Weltkrieg, das Dritte Reich, der Holocaust: Diese prägenden Ereignisse liegen nicht einmal ein ganzes Menschenleben zurück – und doch muss immer wieder an die Gräuel des letzten Jahrhunderts erinnert werden. Zeitzeugen wie Leslie Schwartz, der die Shoa überlebte, kämpfen gegen das Vergessen.

Als der Film zu Ende ist, herrscht ergriffenes Schweigen. Einige Zuschauer trocknen sich die Tränen. Was sie gerade gesehen haben, ist eines dieser vielen, vielen schrecklichen Schicksale eines Juden im Dritten Reich. In dem Dokumentarfilm „Der Mühldorfer Todeszug“ wird die Geschichte von Leslie Schwartz erzählt. Verfolgung, Internierung im KZ Dachau, Verlust der Familie – und im Fall von Leslie Schwartz – am Ende das glückliche Überleben.

Aber es ist keine Geschichte, die man einmal im Fernsehen schaut und dann vielleicht wieder vergisst. Am Mittwoch steht dieser alte Mann vor dem Publikum im Heimatmuseum Kinderhaus und ringt auch über 70 Jahre nach dem Geschehenen um seine Fassung. „Gott hat mir geholfen, dass ich meine Geschichte erzählen kann“, erklärt der 84-Jährige, der in Kinderhaus und New York lebt, nachdem er sich gesammelt hat.

Internierung in Dachau
Die Geschichte von Laszlo Schwartz beginnt in Ungarn, wo er am 12. Januar 1930 geboren wird. Durch das mit Deutschland kooperierende Regime gerät der Jude in die Fänge der Nazis, auf der Rampe von Auschwitz sieht er seine Familie zum letzten Mal. Danach gelangt Schwartz über Umwege in eine Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau, wo er zur Arbeit gezwungen wird. „Ich hätte nie geglaubt, dass man mit so wenig Fleisch auf den Rippen überleben kann.“

Als wäre das alles nicht genug gewesen, beginnt in den letzten Tagen des Krieges für den damals 15-Jährigen noch eine Odyssee. Die KZ-Bewacher verfrachten die Häftlinge in einen total überfüllten Zug ohne Verpflegung oder sanitäre Anlagen. Zeitweise gelingt die Flucht, dann folgt die erneute Gefangennahme.  Immer wieder greifen alliierte Flieger den Zug an, er sieht Menschen sterben und wird selbst von einem Deutschen angeschossen. „Wieso ich das überlebt habe, die Kugel, keine medizinische Behandlung, ich werde das nie verstehen“, erinnert er sich und man merkt, wie diese traumatischen Erlebnisse auch heute noch vor seinem inneren Auge höchst lebendig sind.

“Liebe ist stärker als Hass”
Nach der Befreiung durch die  Amerikaner am 30. April 1945 im Bayerischen Tutzing emigriert er in die USA, wo Verwandte leben. Dort gab man ihm zu verstehen, dass er die Vergangenheit ruhen lassen solle. So kam es, dass Schwartz erst im Spätherbst seines Lebens dazu übergegangen ist, von seinen Erlebnissen zu berichten. 90 Vorträge hat er in den letzten drei Jahren in Deutschland gehalten. Von der Vergangenheit zu erzählen, das ist eine Art Mission für ihn. „Das ist sehr wichtig für junge Leute.“ Und: „Ich hätte früher niemals gedacht, dass ich mich unter Deutschen wohl fühlen könnte“, sagt er, der heute mit einer Deutschen verheiratet ist.

Viele der Zuhörer bleiben nach dem Vortrag und suchen noch das Gespräch mit Schwartz, der mal auf Deutsch, mal auf Englisch antwortet. Bei der Verabschiedung zieht er den Reporter noch zu sich heran, er solle doch Folgendes schreiben, sein Motto: „Liebe ist stärker als Hass. Schalom.“

Dieser Text wurde im Juni 2014 in der “Münsterschen Zeitung” veröffentlicht. Bitte beachtet, dass Zeitangaben etc. nicht mehr aktuell sein könnten. Für uns ist ausschlaggebend, dass der Artikel trotz der zeitlichen Differenz nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat.