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Infektionskrankheit: Münster sieht sich für Masern gerüstet

Masern sind auf dem Vormarsch - Impfungen helfen. (Foto: Dirkvorderstraße/CC BY 2.0)

Die Masern sind derzeit in NRW auf dem Vormarsch. Erst kürzlich verstarb eine 37 Jahre alte Frau an der Infektion, das Landeszentrum Gesundheit NRW meldet bereits 408 Infektionen im laufenden Jahr. Zwischen 2008 und 2016 wurden pro Jahr 18 bis 185 Fälle gemeldet. In Münster ist es seit zehn Jahren zu keinem Auftreten der – fälschlicherweise als Kinderkrankheit – abgetanen Erkrankung zu kommen. Die Stadt arbeitet daran, dass das auch so bleibt, erklärte uns Dr. med Axel Iseke, Kinder- und Jugendarzt vom Gesundheitsamt.

Die Wiedertäufer: Derzeit ist ein deutlicher Anstieg der gemeldeten Masern-Erkrankungen in Nordrhein-Westfalen zu verzeichnen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Dr. Axel Iseke: Es ist in Zeiten, in denen man die Eliminierung des Masern-Virus fast, aber eben nicht ganz geschafft hat, normal, dass es Jahre mit geringen Fallzahlen und dann wieder Jahre mit mehr Fallzahlen gibt.

Nach wie vor gilt, dass es seit Bestehen der Menschheit kein Jahrzehnt gab, in der die Wahrscheinlichkeit, durch Masern angesteckt zu werden so gering war, wie in diesem Jahrzehnt. Das gilt für Deutschland und auch für NRW. Der Grund ist ein allgemein sehr guter Impfschutz der Bevölkerung. Dieser bewirkt, dass sich von außen eingetragene Maserninfektionen in der Bevölkerung kaum oder nicht ausbreiten können.

Daher kommt es auch derzeit in NRW nicht mehr zu einem klassischen, zeitlich und räumlich eng begrenzten Ausbruch mit vielen 100 Erkrankungen in kürzester Zeit, sondern es kommt zu einem eher “schwelenden” Geschehen mit relativ wenigen Einzelfällen in einem umschriebenen Gebiet.

Die Wiedertäufer: Das Landeszentrum Gesundheit (LGZ) meldete zuletzt 296 Fälle aus Duisburg, 30 aus Essen und 82 aus 26 anderen Kreisen in NRW. Wie sieht die Situation in Münster aus?

Iseke: Münster ist seit gut zehn Jahren frei von Masern. Vereinzelte, von außen eingeschleppte Fälle haben sich in der Bevölkerung nicht ausgebreitet. Auch das ist Folge eines allgemein guten Impfschutzes der Bevölkerung sowie eines konsequenten Eingreifens des Gesundheitsamtes bei jedem einzelnen Fall beziehungsweise Verdachtsfall von Masern.


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Die Wiedertäufer: Die angesprochene Entwicklung wird immer wieder mit einer angeblich wachsenden Impfskepsis in Verbindung gebracht. Verzeichnen Sie eine solche Entwicklung?

Iseke: Nein, das ist nicht der Fall. Im Einschuljahrgang 2010 lag die Quote der bezüglich Masern ungeimpften Kinder bei kleiner oder gleich fünf Prozent. In 2016 lag diese Quote nur bei 3,2 Prozent.

Die Wiedertäufer: Nach Angaben des LGZ NRW waren 2014 bei der Schuleingangsuntersuchung nur 90,1 Prozent der Kinder geimpft…

Iseke: Diese Zahl bezieht sich auf diejenigen Schulanfänger, die noch nicht zweimal, sondern nur einmal gegen Masern geimpft worden sind. Grundsätzlich angestrebt ist die zweimalige Impfung, da nach einer einmaligen Impfung bei bis zu zehn Prozent der Geimpften noch kein Impfschutz besteht.

Das Individuum ist daher nur dann sicher geschützt, wenn zweimal geimpft. Eine Bevölkerungsquote von 95 Prozent geimpften und höher bei den Schulanfängern ist aus epidemiologischer Sicht unbedenklich. Die Herdenimmunität besteht daher auch, wenn 95 Prozent der besonders gefährdeten Jahrgänge wenigstens einmal geimpft sind.

Die Wiedertäufer: Welche Maßnahmen ergreift die Stadt, um die Krankheit gar nicht erst auftreten zu lassen?

Iseke: Die Stadt Münster führt bei allen Arztkontakten mit Kindern und Jugendlichen eine Impfberatung durch und rät dazu, bestehende Impflücken zu schließen. Zudem werden die Impfdaten der Schulanfänger regelmäßig an die Kinder- und Jugendärzte in der Stadt berichtet, so dass auf dieser Ebene “nachjustiert” werden kann.

Kinder mit bei der Schuleingangsuntersuchung dokumentierten Impflücken werden zur erneuten Impfberatung und Impfung an den behandelnden Kinder- und Jugendarzt überwiesen. Aus früheren Erhebungen wissen wir, dass in den ersten Grundschuljahren der größte Teil der Masern-Impflücken gefüllt werden. Es kann daher bei den derzeit beschulten Kindern von einem Impfschutz für Masern von 98 Prozent und höher ausgegangen werden.

Die Wiedertäufer: Wo setzen Sie im Vorschulbereich an?

Iseke: Die Stadt hat gemeinsam mit dem Kinderärztenetzwerk allen Trägern von Kindertageseinrichtungen ein verbindliches Verfahren für die pflichtige Bescheinigung zur durchgeführten Impfberatung empfohlen. Dieses Verfahren ermöglicht es auch den Leitungen der Einrichtungen, die Eltern über einen altersgerechten Impfschutz aufzuklären. Dabei geht es vor allem auch darum, den Eltern deutlich zu machen, dass ein ungeimpftes Kind auch eine Gefährdung für jüngere, noch nicht impfbare Kinder darstellt. Dies hilft Eltern zu einer zeitgerechten Impfung zu motivieren.

Es ist bereits jetzt so, dass sich Kitas beim Gesundheitsamt anonym beraten lassen, wenn ein Kind ungeimpft ist oder die Beratungsbescheinigung nicht vorlegt. Damit ist eine optimierte sachgerechte Beratung dieser Eltern sicher gestellt. Weitere Sanktionsmöglichkeiten sieht die Gesetzeslage nicht vor.

Die Wiedertäufer: Die Politik diskutiert eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes. Kitas sollen verpflichtet werden, Eltern, die die Beratungsbescheinigung nicht vorlegen, an das Gesundheitsamt zu melden. Bislang liegt das im Ermessensspielraum des jeweiligen Trägers. Wie sehen Sie diese Planungen?

Iseke: Wir erwarten keine nennenswerte “Meldezahl”. Der Arzt bescheinigt ja lediglich, er habe beraten. Ob die Eltern dabei zugehört haben, ob sie diskutiert haben, ob sie zugestimmt oder abgelehnt haben, ist nicht Teil dieser Bescheinigung. Insofern ist die Einholung einer solchen Bescheinigung auch für absolute Impfverweigerer völlig unkritisch.

Die Wiedertäufer: Vielen Dank für das Gespräch!

Fotocredit: Dirk Vorderstraße/CC BY 2.0