Stadtgeschichte(n)

Die Legende vom Hitler-Haus

Hitler und Franz Pfeffer von Salomon (rechts daneben) auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1927 in Nürnberg. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-53A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664903)

Hitler und Franz Pfeffer von Salomon (rechts daneben) auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1927 in Nürnberg. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-53A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664903)

Adolf Hitler war kein ausgesprochener Freund von Münster, dieser Stadt mit ihrer erzkatholischen Bürgerschaft. Nur bei zwei Gelegenheiten verschlug es den späteren Despoten und Massenmörder in die damalige Kapitale Westfalens. Während sein Auftritt in der Halle Münsterland im Jahr 1932 gut dokumentiert ist, rankt sich um seinen ersten Besuch eine Legende. Wir bringen Licht ins braune Dunkel.

Das Gebäude an der Erphostraße 28 fällt ins Auge. Das liegt an dem hellblauen Anstrich, der das neoklassizistische Gebäude zu einem Hingucker gemacht. Optisch. Doch das Haus hat auch eine Geschichte zu erzählen, die allenfalls noch hochbetagte Bewohner des Viertels kennen: “Dieses Gebäude war früher auch als das ‘Hitler-Haus’ bekannt”, erklärt der Historiker Timm Richter, der die großen und kleinen Geschichten rund um Münster aus dem Effeff kennt. Gleichwohl, er hält die Legende für wenig glaubwürdig: “Das ist so eine Geschichte wie jene, dass Goethe in jedem zweiten Gasthaus in Deutschland gezecht hat.”

Dass die Legende überhaupt erst entstehen konnte, hat mit einem ehemaligen Bewohner der Erphostraße 28 zu tun: Franz Pfeffer von Salomon. “Er ist eine der am meisten unterschätzten Figuren aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung”, erklärt Richter. Pfeffer trug maßgeblich zum Aufbau der Parteistrukturen der NSDAP in Westdeutschland bei. Von seiner Wohnung aus dirigierte der Erste-Weltkriegs-Hauptmann seinerzeit den Parteigau Westfalen, berichtet Richter: “Das war schon eine große Nummer.”

Tatsächlich kannten sich von Pfeffer und Hitler persönlich. Noch mehr: Man schätzte sich offenbar – zumindest in gewisser Hinsicht. 1926 vertraute Hitler dem adeligen Offizier die Führung der SA an, ein enorm wichtiger Posten. Hierfür verließ Pfeffer die Stadt und zog nach München. Vorher hatte Hitler ihm den Posten bei seinem ersten Besuch in Westdeutschland überhaupt im Juni 1926 angeboten.

In der Erphostraße 28 wohnte einst Franz Pfeffer von Salomon. Adolf Hitler übernachtete hier entgegen der Legende aber nicht.
In der Erphostraße 28 wohnte einst Franz Pfeffer von Salomon. Adolf Hitler übernachtete hier entgegen der Legende aber nicht.
Hitler auf Antrittsbesuch in Westdeutschland

Durch den gescheiterten Putschversuch am 08./09. November 1923 und der anschließenden Festungshaft hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits landesweite Bekanntheit erlangt. Das Rheinland, das Ruhrgebiet und Westfalen waren Machtzentren in der erst ein Jahr zuvor neu gegründeten und noch ungefestigten Bewegung, deren lokale Führer sich uneins waren und deren künftige Ausrichtung noch im Unklaren lag.

Hitlers Visite zu diesem Zeitpunkt hatte einerseits den Zweck, die Partei zu befrieden, denn die Verbände in Nord- und Westdeutschland unter Georg Strasser waren deutlich sozialistischer orientiert als es den Oberen in München lieb war. Es ging jedoch auch darum, politisch zu netzwerken, Unterstützer anzuwerben – und nicht zuletzt, sich einmal sehen zu lassen. Gleichwohl: Die große Bühne blieb ihm verwehrt, denn er hatte Auftritts- und Redeverbot in Preußen.

Während seines Aufenthaltes zwischen Rhein und Ruhr residierte Hitler vom 14. bis zum 21. Juni in Hagen. Pfeffer hatte den Adelssitz Haus Busch, heute Heim der gleichnamigen Journalistenakademie, gepachtet und den Führer zu sich eingeladen. Auf Pfeffers Familie habe der prominente Gast schüchtern und unsicher gewirkt, seine Frau fand ihn “eintönig”, berichtet ein Zeitzeuge in dem Buch “Hagen: Geschichte einer Großstadt und ihrer Region”.

Von Haus Busch aus unternahm Hitler in den folgenden Tagen einige Reisen in die nähere Umgebung. Am 15. Juni sprach er vor 1.000 Zuschauern in Bochum und brachte dabei – laut Polizeibericht – seine Überraschung zum Ausdruck, “eine derartige Sympathie für den Gedanken der NSDAP-Bewegung zu finden”. Tags darauf besuchte er die Hattinger Ortsgruppe und trat in Essen vor 2.000 Zuschauern auf – stets hinter verschlossenen Türen.

Schlafgelegenheit gesucht

Von besonderem Interesse ist hingegen der 17. Juni: Seinerzeit weilte Hitler für eine Parteiveranstaltung in Osnabrück. Mit dabei: Eine rund 40köpfige Abordnung der NSDAP-Ortsgruppe Münster mit ihrem Leiter Erich Hartmann, der die Erreignisse jenes Tages in einer Parteichronik elf Jahre später folgend schildert:

“Dann kam am 17. Juni 1926 der Tag, an dem es uns erstmalig seit unserer Zugehörigkeit zur NSDAP vergönnt war, den Führer selbst zu sehen, nachdem wir für ihn und seine Idee bereits vier Jahre im Kampfe gestanden hatten. (…) Nach Beendigung der Führerrede sollten wir Ortsgruppenleiter die fünf tüchtigsten Leute dem Führer persönlich auf der Bühne vorstellen. Aber da war kein Halten mehr: alle 800 Parteigenossen gingen im Gänsemarsch über die Bühne und jedem musste der Führer die Hand drücken. Ja, so mancher brachte es im Gedränge fertig, zwei- oder dreimal am Führer vorbeizugehen.” (aus: “Der Kampf der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Münster 1922-1937”, einzusehen im Stadtarchiv)

Zum weiteren Verlauf des Abends macht der Autor keine Angaben. Einige Seiten später in der Chronik, in dem Eintrag zum Jahr 1928, aber findet sich der entscheidende Beleg dafür, dass die Legende vom Hitler-Haus an der Erphostraße nicht zutreffend ist:

“Am 10. Mai trifft die Ortsgruppe wieder ein herber Verlust. Unser lieber Parteigenosse Kirchberg, der der Ortsgruppe, auch in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt, immer eine starke Stütze gewesen war, verstarb. Bei ihm hatte der Führer nach der Osnabrücker Kundgebung am 17. Juni 1926 übernachtet. Das ist meines Wissens das einzige Mal, dass Adolf Hitler vor seiner Kundgebung am 8. April 1932 in Münster geweilt hat.”

Ausschnitt aus dem Adressbuch der Stadt Münster von 1926: Helmut Kirchberg wohnte in der Diepenbrockstraße 26.
Ausschnitt aus dem Adressbuch der Stadt Münster von 1926: Helmut Kirchberg wohnte in der Diepenbrockstraße 26.

Besagter Rechtsanwalt und Notar Helmut Kirchberg wohnte 1926 in der Diepenbrockstraße 26, wie dem Adressbuch der Stadt zu entnehmen ist. Darüber, warum die Übernachtung hier und nicht – wie die Legende besagt – bei von Pfeffer stattfand, können letztlich nur Mutmaßungen angestellt werden.

Grundsätzlich scheint der Zwischenstop in Münster improvisiert gewesen zu sein. Die Veranstaltung in Osnabrück hatte augenscheinlich länger gedauert als veranschlagt, wie die Schilderung Hartmanns nahelegt. Hat das am Ende die Planungen durcheinandergeworfen? Hatte Hitler am Ende schlichtweg seinen Anschlusszug in Münster verpasst und dann umdisponiert? Oder war er mit dem Auto unterwegs und die lange Strecke nach Hagen sollte des nachtens nicht mehr vollständig zurückgelegt werden?  Fest steht: Hitler hatte am nächsten Tag abends einen Termin mit Industrievertretern in Essen, wo er zur Wirtschaftspolitik referieren sollte. Eine Übernachtung in
Münster lag sozusagen auf dem Weg.

Der Führer auf dem Sofa?

Der Gastgeber Helmut Kirchberg jedenfalls war Beisitzer im Ortsverein und dürfte als Anwalt über vorzeigbare Räumlichkeiten, vielleicht sogar mit einem Gästezimmer, verfügt haben. Von Pfeffer hingegen hatte in seiner Wohnung noch die lokale Geschäftsstelle der Partei untergebracht und verfügte möglicherweise nicht über eine angemessene Unterkunft: “Es ist schwer vorstellbar, dass man den Anführer der Bewegung auf dem Sofa schlafen lässt”, gibt Richter zu bedenken. Am nächsten Tag soll sich Hitler jedenfalls noch die Zeit genommen haben, den Friedenssaal zu besichtigen, heißt es in dem Buch “Mit der Partei vorwärts” von 1940. In der Tagespresse war der Besuch kein Thema.

Hitler jedenfalls machte sich am nächsten Tag auf nach Essen und setzte in der Folge seinen Aufstieg fort, während von später Pfeffer in Ungnade fallen und in der Bedeutungslosigkeit enden sollte. Seine enge Verbindung zu Rudolf Heß brachte ihn nach dessen England-Flug zeitweilig ins Gefängnis. Am Ende aber bleibt die Legende vom Hitler-Haus eine Legende und allenfalls eine Fußnote in der Stadtgeschichte – angesichts des Grauens und der Millionen von Toten, die Hitlers Herrschaft der Welt brachte.



Veranstaltungshinweis:

Wer mehr zu Franz Pfeffer von Salomon erfahren möchte, sollte am 02. Mai um 19 Uhr in die Villa ten Hompel kommen. Mark A. Fraschka, Autor des Buches “Hitlers vergessener Oberster SA-Führer” (das auch bei der Recherche zu dieser Geschichte genutzt wurde), wird zum Thema vortragen.

Franz Pfeffer von Salomon, Nazi-Größe der ersten Stunde (undatiertes Foto; Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-1587A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664890)
Franz Pfeffer von Salomon, Nazi-Größe der ersten Stunde (undatiertes Foto; Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-1587A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664890)