Stadtgeschichte(n)

Die Angst der Deutschen vor dem Kopftuch: Was eine Muslima in Münster erlebt hat

Fayza Harby mit Kopftuch in ihrer ägyptischen Heimat.

Fayza ist gläubige Muslima. Vor 15 Monaten hat sie ihre ägyptische Heimat verlassen, um in Deutschland zu studieren. Dort war es für sie selbstverständlich, das Kopftuch als Zeichen ihrer Religiosität zu tragen. Nach ihren Erfahrungen in Deutschland hat sie den Hidschab abgenommen – weil sie sich bei uns ohne wohler fühlt.

In ein anderes, fremdes Land zu gehen, ist ein großer Schritt, der viel Mut erfordert. Eine andere Sprache, eine andere Kultur. Fayza Harby ist diesen Weg gegangen, um in Münster Anthropologie studieren. Dafür hat sie ihre Familie und ihre Heimat, die ägyptische Millionenmetropole Alexandria, verlassen. Und: Fayza ist gläubige Muslima und als solche ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, das Kopftuch zu tragen. Das sollte für die 29-Jährige am Anfang ihrer Zeit in Deutschland, dem Land mit der viel beschworenen Willkommenskultur, zum Problem werden.

“Ich bin vor 15 Monaten hierhin gekommen und da mein Studiengang auf Englisch ist, dachte ich nicht – damals, von zu Hause aus – , dass ich Deutsch als Sprache benötigen würde. Das traf auf die Uni zu, wo die Professoren und die Kommilitonen gut Englisch sprechen, aber auf der Straße ist das schon wieder anders. Ich konnte überhaupt kein Deutsch. Das war anfangs hart. Aber inzwischen kann ich Small Talk halten, ich arbeite in einem Lokal, wo ich andauernd Kontakt mit Deutschen habe. Meine Arbeitskollegen sprechen Deutsch mit mir.”

Fayza hat in Ägypten visuelle Kommunikation studiert und als Grafik-Designerin gearbeitet. Doch sie wollte sich beruflich in Richtung Film verändern. Nach einer Recherche stieß sie auf das recht neue, international ausgerichtete Studienangebot in Münster, das Anthropologie und Dokumentarfilm miteinander verknüpft. In ihrer Heimat gibt es lediglich filmische Ausbildungsangebote, die allein auf fiktionale Stoffe ausgelegt sind.

In einer anderen Welt

“Als ich damals in Düsseldorf gelandet bin, war ich total aufgeregt. Ich erinnere mich an den Grenzbeamten, der mir den Stempel in den Reisepass gemacht hat. Er fragte mich, was ich in Deutschland vorhabe und ich erklärte ihm, dass ich studieren wolle. Er war wirklich nett zu mir.

Das war alles sehr aufregend, aber auch sehr schön. Da gab es keine Probleme. Die begannen erst, als ich die Dinge des Alltags bewältigen musste. Bank, Supermarkt, eine Wohnung finden und einen Job.”

Nach ihrer Ankunft schlief sie eine Nacht bei einer Kollegin aus dem Libanon, danach eine Woche im Hostel. Im Anschluss jedoch hatte sie Probleme, eine Unterkunft zu finden. Sie verbrachte sogar eine Nacht auf einer Bank in der Uni.

“Am nächsten Morgen fand mich einer der Professoren. ‘Fayza, sie schlafen hier? Wieso haben sie denn nichts gesagt?’ Er brachte mich dann für eine Nacht bei Bekannten unter und versuchte dann, mir mit einem Inserat über die Intranet-Seite des Instituts zu helfen.”

Über Umwege fand Fayza ein Zimmer und hatte dann sogar eine dauerhafte Bleibe in Aussicht. Nur ein Untermietvertrag war notwendig, denn sie musste sich bei den Behörden anmelden – dafür benötigte sie das OK des Vermieters.

Schwere Wohnungssuche

„Auf einmal waren keine internationalen Studenten willkommen. Weil er fürchtete, die Miete nicht zu bekommen. Ich sagte ihm, dass ich ihm sechs Monate im Voraus bezahlen könnte. Ich wollte die Wohnung unbedingt, meine Mitbewohner waren sehr nett. Wir sind dann zusammen zu der Frau des Vermieters gegangen. Sie ignorierte mich in diesem Gespräch komplett. Dabei haben sie viele Wohnungen und auch viele internationale Studenten, aus Frankreich, aus Italien. Nur nicht aus dem Mittleren Osten und ich glaube, das war das Problem. Das war ein schlechtes Gefühl.“

In Deutschland studieren zu können, ist für Menschen aus Ländern wie Ägypten nicht ganz einfach. Sie müssen nicht nur ein Visum beantragen, sondern auch beispielsweise einen Nachweis ihrer Krankenversicherung erbringen. Zusätzlich verlangt der deutsche Staat, dass 8.700 Euro auf ein Sperrkonto eingezahlt werden. Das Geld wird freigegeben, sobald die betreffende Person das Studium in Deutschland angefangen hat.

“Ich habe mich damals in meiner 3er-WG habe sehr wohl gefühlt und auch respektiert. Damals habe ich den Hidschab getragen und mein Mitbewohner hat mir gesagt, dass er meistens zu einer bestimmten Zeit nach Hause kommt, damit ich ihn wieder aufsetzen kann. Oder er hat an die Tür geklopft und Bescheid gesagt, dass er wieder da ist.”

Letztlich musste Fayza noch einige Stationen durchlaufen, bis sie endlich eine dauerhafte Bleibe gefunden hatte. Jetzt ist sie wieder am Hansaring, wo ihre Odyssee ihren Anfang nahm, und glücklich mit ihrem Vermieter. Eine Sache ist ihr wichtig, sagt sie im Gespräch:

“Ich möchte betonen… Wir sprechen jetzt über diese Themen und ich beantworte deine Fragen. Mir ist wichtig, zu sagen, ich habe ein gutes Leben hier. Ich habe liebe Freunde, alles ist gut. Es war am Anfang schwierig. Viele Menschen haben mir geholfen, mit der Sprache, mit der Kultur.”

“Das Kopftuch macht den Leuten Angst”

Aber der Anfang war hart für Fayza. Sie musste sich durch viele Widrigkeiten kämpfen – und hat sich letztlich durchgebissen. Darauf ist sie stolz, was auch ein Motiv ist, ihre Geschichte zu erzählen. Damit möchte Fayza auch andere Menschen bestärken, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

“Das waren so viele Fragen und ich habe anfangs nicht verstanden, dass ich diskriminiert wurde, wegen meiner Nationalität oder meiner Religion Ein anderes Beispiel… Als ich einmal bei der Bank war, behandelte mich die Mitarbeiterin am Schalter so schlecht. Und in der Schlange hinter mir, die Dame, die nach mir dran kam, da lächelte sie wieder und war die Freundlichkeit in Person. Nur bei mir nicht.

Das Kopftuch macht den Leuten Angst. Wenn ich durch die Straße gegangen bin, habe ich die Blicke der Leute hinter meinem Rücken gespürt. Ich sah so exotisch aus, so anders. Als ich den Hidschab abgelegt hatte, wurde ich unsichtbar. Ich fühlte mich sehr erleichtert.

Merkwürdig war auch manche Konversation. Wenn ich erzählte, dass ich aus Ägypten komme, wurde ich einmal gefragt, ob ich den Islamischen Staat unterstütze. Das ist so, als wenn ich sagen würde, du bist Deutscher, also bist du ein Nazi.

Aber irgendwie drehten sich viele Gespräche um solche Themen. Manche nannten mich Hidschabi. Nein, Hidschab ist etwas zum Anziehen! Das bin ich nicht! Ich mache das aus religiösen Gründen. Manche Leute meinen, dass ich keinen Spaß haben kann, wenn ich den Hidschab trage, dass ich keinen Freund haben oder reisen kann und dass mich meine Familie dazu zwingt. Aber das ist nicht der Fall. Ich habe mich dazu entschieden. Diese ganzen Stereotype kamen da irgendwie auf einmal zusammen.

Als im Frühjahr der Anschlag am Kiepenkerl war, war ich mit Freunden in einem Café. Wir sahen den Helikopter über der Stadt kreisen. Und wir alle haben zunächst gedacht, dass das ein Terrorangriff gewesen wäre. Aber niemand an unserem Tisch hat sich getraut, das auszusprechen. Wegen mir, weil man ja immer automatisch davon ausgeht, dass es irgendein Araber oder Moslem gewesen ist.

Eine Bekannte von mir, die Kopftuch trägt, ist an diesem Tag erstmal nach Hause, bis klar war, was genau passiert ist. Für mich ist das ja nunmehr kein Problem, die Leute denken eher, dass ich Spanierin wäre oder so.”

Ausdruck der Liebe zu Gott

Der Hidschab ist immer wieder ein Reizthema. Serad Gürler, Integrationsstaatssekretärin in Nordrhein-Westfalen, will das Tragen des Kopftuchs für Kinder unter 14 Jahren verbieten. Es “sexualisiere” die Mädchen. Rechtspopulisten greifen das Thema immer wieder dankend auf. Der Islam hingegen schreibt es nicht zwingend vor. Für eine fromme Muslima wie Fayza ist es ein Bekenntnis zur Religion. Sie hat den Hidschab 14 Jahre lang getragen.

“Für mich ist das Ausdruck meiner Liebe zu meinem Gott. Ich faste auch im Ramadan. Ich könnte ebenso als Pilgerin nach Mekka gehen. Wie jeder zu seiner Religion steht, ist aber eine persönliche Angelegenheit. Niemand wird gezwungen zu beten oder ein Kopftuch zu tragen.”

Fayza kommt aus der ägyptischen Mittelschicht. Ihr Vater arbeitet in der Ölindustrie, ihre beiden Brüder sind Ingenieure. Die Schwester ist Lehrerin. Das Verhältnis zur Religion klärt in der Familie jeder für sich selbst. Fayzas Vater und einer ihrer Brüder sind wie sie praktizierende Muslime, der Rest der Familie nicht.

“Darüber sprechen wir auch nicht. Ich sage meiner Schwester nicht, dass sie zu beten hat. Das geht mich nichts an. Mein Vater fragt meine Mutter manchmal, ob sie nicht beten möchte. Aber sie sagt ihm dann nur ‘Vergiss’ es’ und damit hat sich das dann auch erledigt.”

Jobsuche mit Kopftuch? Keine Chance!

Ohne Kopftuch aus dem Haus zu gehen, war für Fayza ein großer Schritt. Sie machte ihn letztlich nicht aus freien Stücken heraus. Sie habe auf der Wohnungssuche schlichtweg keine andere Wahl gehabt, erklärt sie.

“Das war der Wendepunkt. Als ich einen Job gesucht habe, wurde mir gesagt, dass sie eine Frau mit Kopftuch nicht einstellen. Ich habe mich da umzingelt gefühlt. Ich wollte nicht, dass ich diskriminiert und schlecht behandelt werde nur wegen meines Aussehens.

Dann habe ich Freunde gefragt, die schon zuvor in Europa gewesen waren. Zu ihren Erfahrungen damit, den Hidschab in der Öffentlichkeit zu tragen. Eine hat mir erzählt, dass, ich glaube, es war in Leipzig, ihr jemand ins Gesicht gespuckt und ihr gesagt hat, dass sie nach Hause gehen solle. Sie sagte mir, dass solche Dinge, wie sie mir passiert sind, halt passieren können. Aber im Osten sei es viel schlimmer.

Meine Familie fand das mit dem Kopftuch nicht so gut, aber sie haben nicht nein gesagt. Als ich nach neun Monaten zu einem Heimatbesuch zurück nach Ägypten bin, haben mich meine Bekannten gefragt, ob ich dann wieder den Hidschab trage. Nein, habe ich gesagt. Das ist nicht Iran oder Saudi-Arabien. Das ist ein freies Land.

Bei dem Thema steht immer die Idee von Zwang dahinter. Hat dich wer gezwungen, den Hidschab zu tragen? Nein! Ich kann nicht sagen, dass ich in meinem Innern wirklich glücklich damit bin. Aber ich bin erleichtert. Ich habe einen Job, ich habe eine Wohnung, die Menschen sprechen mich nicht mehr dauernd an auf Politik, den Islamischen Staat oder Religion. Sie betrachten mich ohne das Kopftuch mehr als Persönlichkeit. Das ist traurig, aber wahr.”


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    1. Diese Aussage bezieht Fayza auf ihre Heimat Ägyten. Sie sagte auch: “Das ist nicht Iran oder Saudi-Arabien.”

  1. Um das ein bisschen zu sortieren: Im Iran oder Saudi-Arabien werden Frauen *staatlicherseits* zur Verschleierung gezwungen, in Ägypten nicht. Privater und sozialer Druck und Zwang sind eine andere Frage, ebenso wie die politische Auseinandersetzung um die Interpretation des Islam, siehe etwa https://www.washingtonpost.com/news/acts-of-faith/wp/2015/12/21/as-muslim-women-we-actually-ask-you-not-to-wear-the-hijab-in-the-name-of-interfaith-solidarity/

    Damit möchte ich natürlich nicht bestreiten, dass Fayza Rassismus entgegenschlägt, dass sie den Hidschab freiwillig trägt, dass das auch andere Frauen tun oder dass man sogar in ihrem Heimatland Probleme *mit* dem Hidschab kriegen kann (https://www.economist.com/middle-east-and-africa/2015/08/27/haughty-about-the-hijab). Nur ist ihre Sicht eben, natürlicherweise, nur eine Seite.

    (Und wenn Ägypten als “freies Land” bezeichnet wird, muss man vielleicht etwas bedenken, dass es hier nur um eine bestimmte Fragestellung geht. Siehe https://www.amnesty.de/jahresbericht/2018/aegypten oder https://rsf.org/en/ranking )

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