Klartext

AfD-Debakel: Ich kann trotzdem nicht stolz auf Münster sein

Demonstranten sperrten den Wahlkampfstand der AfD Münster ab.

Protestaktion am Infostand der AfD in der Ludgeristraße am 16.09.2017.

Könnt ihr euch noch an den 10. Februar erinnern? Da hielt die AfD mit ihrer damaligen Parteivorsitzenden im Rathaus des Westfälischen Friedens Hof, 8.000 protestierten gegen die Besudelung dieses Ortes europäischer Geschichte. In den überregionalen Medien spielte dieses gesellschaftliche Aufbäumen seinerzeit eine allenfalls untergeordnete Rolle – unberechtigterweise, denn es handelte sich um einen der größten Anti-AfD-Proteste bundesweit. Jetzt steht Münster wegen des bundesweit schlechtesten Abschneidens der Rechtspopulisten in den Schlagzeilen. Manche erfüllt das mit Stolz. Vorsicht! Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Und mit Stolz sollten wir ohnehin vorsichtig sein.

Ja, das waren schon Zahlen, die einem einen Schock verpasst haben. 12,6 Prozent hat die AfD bundesweit geholt bei der Bundestagswahl. Viel zu viel, jede Stimme ist bei dieser Partei eine zuviel. Und dann das, was vielleicht Niemand so richtig auf dem Schirm hatte. Die Nachrichtenagentur “dpa” hatte wohl genau hingeschaut und gesehen, dass die Rechten in Münster mit 4,94 Prozent ihr bundesweit schlechtestes Ergebnis eingefahren haben. Super Sache. Keine Frage – da sollten wir uns nicht missverstehen.

Auf der Arbeit sagte mir ein Kollege, darauf könne man stolz sein. “Auf so viel politische Vernunft darf man durchaus stolz sein”, schreibt auch WN-Redakteur Klaus Baumeister, der ein paar Sätze zuvor schon an Kardinal von Galen erinnerte. Stolz kann man aber nur auf etwas sein, was man selbst erreicht hat, finde ich. Sicher, die Stadtgesellschaft hat Flagge gezeigt, Bündnisse wie “Keinen Meter den Nazis” und “Keine Stimme der AfD” haben den wichtigen Protest organisiert. Inwieweit sie damit zum Ergebnis beigetragen haben? Man weiß es nicht. Ihr Engagement und das aller Bürger hätte auch dann Sinn gemacht, wenn dadurch keine einzige Stimme weniger für die AfD abgegeben worden wäre.


In der Wahlkabine ist letztlich jeder für sich allein. Und wer sich nicht vorher darüber im Klaren war, was für ein Haufen die AfD ist, dem wird es nicht erst beim Anblick von Demonstranten gedämmert haben. Ein Großteil des Ergebnisses ist meiner Ansicht nach auf die schlichte soziografische Struktur der klassischen Universitätsstadt Münster zurückzuführen, in der nicht nur die CDU, sondern auch die Grünen stark sind. Tübingen (5,2 Prozent) oder Aachen (5,9 Prozent) beispielsweise wareb für die AfD ebenfalls kein gutes Pflaster.

In der Bewertung des Ergebnisses für Münster sollte man also bedächtig sein. Die überregionalen Medien sind schon dabei, die Stadt zur Anti-AfD-Bastion hochzujazzen:

Jetzt häufen sich wg. des schlechten Wahlergebnisses der #AfD die Medienberichte über #Münster. Und die Mär von der “Insel der Glückseligen” wird gesponnen.


Die “FAZ” begab sich gar mit Ex-OB Berthold Tillmann auf Spurensuche ins Kreuzviertel. Passender wäre ein Besuch an den bekannten sozialen Brennpunkten gewesen, wo die Menschen, die unter der von der AfD propagierten Sozialpolitik am meisten zu leiden hätten, der Partei durchweg zweistellige Ergebnisse bescherten. Im Wahlbezirk Hogenbergstraße in Berg Fidel erreichten die Rechtspopulisten bei den Zweitstimmen 21,91 Prozent, an der Bachstraße in Angelmodde-Ost 18,03 Prozent und an der Königsberger Straße in Coerde 15,99 Prozent. In der Summe votierten 9.392 Menschen für die AfD. Allein schon deswegen kann ich nicht stolz auf Münster sein.